Hallo,

ich bin Robert. Ich lebe in einem alten Holzhaus mitten im schwedischen Wald. Mit meiner wundervollen Frau, 4 Kindern, 10 Hühnern, 4 Meerschweinen, 2 Kaninchen und unserem Kater Alfons. In unserem Garten wachsen Kartoffeln, Äpfel, Möhren und Kohlrabi. Im Frühling fahren wir zum nahen See und beobachten die Kaulquappen. Im Sommer baden wir, bis unsere Lippen ganz blau und die Hände ganz schrumpelig sind und wir sammeln Himbeeren und Blaubeeren und kochen daraus Marmelade. Im Herbst sammeln wir Pilze. Und im Winter spielen wir auf dem See Eishockey mit den Nachbarn und bauen Frauen, Männer und Pferde aus Schnee vor unserem Haus. Wenn wir dann abends in der Küche die eingefrorenen Zehen an den alten, gusseisernen Holzofen halten und ich mit verstellter Stimme ein spannendes Buch vorlese, merken wir, dass es die einfachen Dinge im Leben sind, die glücklich machen.

Aufgewachsen bin ich ganz am Rand von Berlin, in Köpenick. Da gab es auch viel Wasser und grün. Man konnte mit dem Fahrrad überall hin und sich mit seinen Freunden treffen. Es gab viel Musik und Konzerte und Jugendclubs. In einem der Clubs, dem „All“ ,machte Jimmy seinen Zivildienst. Er hatte lange Rastazöpfe und spielte E-Gitarre in einer Funkband. Er bot kostenlosen Gitarrenunterricht an. Deshalb erklangen aus der alten Nylon-Klampfe meiner Mutter nach vielen Jahren auch plötzlich Blues-Skalen und Funk-Riffs. Da war ich ungefähr 14. Später hatte ich dann Unterricht bei Timothy, einem Flamenco- und Klassikgitarristen, der enttäuscht war über das Verständnis von Musik in seinen Kreisen. Nach vielen Jahren Studium und Spiel kam er zu der Überzeugung, dass es in der Musik nicht auf Perfektion, Reinheit im Klang und tadelloses Spielen nach Noten ankam, sondern das Gefühl und den Ausdruck.

Dies ist wohl eine Weisheit, die man nicht einfach so von seinem Lehrer lernen kann. Jedenfalls übte und spielte ich zunächst viel Gitarre und später auch Klavier und Schlagzeug, um vielseitiger und virtuoser zu werden. Ich schrieb viele Songs. Ich musizierte mit anderen zusammen und wäre beinahe sogar einmal auf eine Musik-Hochschule in Amsterdam gegangen, um dort 5 Jahre lang Popmusik zu studieren. Aber das Schicksal wollte es anders.

Stattdessen wählte ich einen zweiten, künstlerischen Weg und wurde Sprecher, um damit meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich begann genau zu der Zeit, als Firmen diese kleinen, lustigen Trickfilme für sich entdeckten, in denen sie mit einer „Sendung-mit-der-Maus“-Stimme ihre Produkte und Dienstleistungen erklären ließen. In unserer Plattenbauwohnung baute ich mir ein kleines Studio mit Sprecherkabine, in welcher ich für Kunden meine Stimme aufnahm und dann via Internet versendete. Später baute ich Kontakte zu Studios und Agenturen in Berlin auf und bekam riesige Augen und Herzklopfen, als ich mitbekam, wieviel Geld man in kurzer Zeit mit Werbung verdienen konnte. Ich war viel zu sehr Künstler, um als Sprecher richtig durchzustarten, aber das Geld reichte, um die wachsende Familie zu ernähren und gleichzeitig genügend Zeit für’s Musikmachen übrig zu haben.

Mit 25 wurde ich zum ersten mal Papa. Ein Wunschkind! Mit 26 kam das nächste, dann mit 28 eines und schließlich mit 30 die Nummer 4. 2 Jungen und 2 Mädchen, immer hübsch im Wechsel. Kinder sind ein starker Spiegel des eigenen Selbst. Erst mit Kindern habe ich begonnen, mich richtig kennen zu lernen. Die innersten Schichten wurden bei mir berührt und plötzlich sah ich mich Situationen ausgesetzt, in denen ich die Verwundungen und Verbiegungen des eigenen, inneren Kindes stark spürte. Ich machte mir zur Aufgabe, diese Verletzungen nicht weiter zu geben und mich dem Ideal von bedingungsloser Liebe Millimeter für Millimeter immer weiter anzunähern.

Mit 30 hörte ich auf, professionell Musik zu betreiben. Kind Nummer 4 machte mir bewusst, in was für einem Hamsterrad ich mich lange Zeit bewegt hatte. Proben, Aufnahmen, Auftritte, Songs schreiben und der Versuch einer Selbstvermarktung als Musiker. Dann die Sprecherselbstständigkeit mit Jobs und ebenfalls Aquise und Selbstvermarktung. Und Zuhause ein lärmender Kindergarten, der jedes Fünkchen Aufmerksamkeit und Liebe benötigte. Ich sehnte mich nach Ruhe und Klarheit. Ich beschloss, für die Familie da zu sein und mich auf das Geldverdienen als Sprecher zu konzentrieren.
Es tat unheimlich gut. Ein schweres Gewicht fiel von meinen Schultern und das Gefühl, nun vorerst nur noch Musik für mich selbst zu machen, war beglückend.

Mit 32 sagte mir mein Körper plötzlich eines Tages, dass ich Linkshänder bin. Es war so eindeutig, wie jene Stimme, die einem sagt, wen man mag und wen man nicht mag, wenn man einen Raum mit fremden Menschen betritt. Durch Yoga und Stimmbildung hatten sich mein Körpergefühl und meine Achtsamkeit verbessert und ich sah, was bei genauer Beobachtung bereits lange offensichtlich war. Ich beschloss, mein Leben stark zu verändern. Ich begann mit einer Rückschulung: Schreiben, Essen, Werfen, Zähneputzen – alles lernte ich neu. Ich merkte, wie verdreht meine Wirbelsäule und wie verkrümmt meine rechte Körperhälfte durch die jahrzehntelange falsche Benutzung und die dadurch entstandene Überbelastung war. Jahrelange Schmerzen unter dem rechten Schulterblatt mit nervösen Strahlungen in die gesamte Körperhälfte wurden plötzlich erklärbar. Ich begann mit täglichem Körpertraining, um die entstandene Fehlhaltung wieder zu korrigieren, ein Prozess, der nach wie vor anhält.

Auch beim Musizieren stellte ich konsequent auf links um, was zunächst bedeutete, dass ich nach 18 Jahren Gitarrenspiel – abgesehen vom theoretisch angeeigneten Wissen – bei Null anfing. Das schmerzhafteste war zunächst, meine musikalische Ausdrucksmöglichkeit verloren zu haben. Ideen und Inspirationen überstiegen mein Können auf der Gitarre. Ich fühlte mich wie ein Hundertmeter-Sprinter, der nach einem Unfall das Laufen neu erlernen muss. Auf der anderen Seite spürte ich eine nie zuvor gekannte Ruhe, Freiheit und Freude in meiner Seele und etwas tief in mir drinnen sagte mir fortwährend, dass ich trotz all der Widrigkeiten auf dem richtigen Weg war.

Ein dreiviertel Jahr später zogen wir vom niemals ruhenden Berlin in die Einsamkeit des schwedischen Waldes. Plötzlich war es nachts dunkel, wenn wir alle Lichter löschten und selbst bei offenem Fenster gab es keine Geräusche, außer dem Wind, dem Regen, dem schreienden Käuzchen oder einem bellenden Rotwild. Manchmal stand ich in sternenklaren Nächten einfach nur da und bewunderte die kristallklare Milchstraße über mir.

Mein Songwriting veränderte sich. Zum einen wurden meine Kompositionen durch die Limitierung der Umstellung simpler, griffiger und weniger verkopft. Zum anderen hatte ich beim Texte schreiben das Gefühl, mehr und mehr bei mir anzukommen und einen Zugang zu meiner Seele und zu meinen wahrhaftigen Gefühlen zu finden. Auch mein Gesang wurde simpler und vor allem tiefer. Hatte ich früher noch das Bedürfnis, bekannten Pop-Stimmen nachzueifern, fühlte ich mich zunehmend in der Basslage wohler und stimmte deshalb meine Gitarre immer weiter nach unten, wenn ich mich begleitete.
Die Entdeckung eines Linkshänderklaviers im Internet komplettierte schließlich mein Handwerkszeug zum Komponieren und Arrangieren. Die im Gegensatz zu einem herkömmlichen Klavier gespiegelte Tastatur war wie eine Erläuchtung für mich. Wo ich früher noch das Gefühl hatte, beim Klavier an einem gewissen Punkt an eine unsichtbare Mauer mit meinen Spielmöglichkeiten zu stoßen, machte ich nun binnen kurzer Zeit enorme Fortschritte auf diesem Instrument.

Im Fühjahr 2020 schrieb ich den Song „Nach Haus“ und nahm ihn auf. Das erste Mal hatte ich nach Ewigkeiten wieder das Gefühl, mit meiner Musik hinaus in die Welt gehen zu wollen. Ich lud den Song auf Youtube und Facebook hoch und bekam positive Rückmeldungen, die mich ermutigten, weitere Songs zu schreiben und hochzuladen.

Es dauerte dann allerdings noch einmal ungefähr anderthalb Jahre bis ich mich wirklich bereit fühlte für einen echten Release. In dieser Zeit arbeitete ich weiter intensiv an meiner Stimme und ließ mir unter anderem eine Gitarre bauen mit tieferer Stimmung speziell für meine Stimmlage. In dieser Zeit entdeckte ich auch das Schreiben für mich und begann, jede Woche einen Blogbeitrag zu veröffentlichen.

Am 15. Oktober nun erscheint meine erste Single „Alles“ und ich bin stolz wie Bolle! ;D