26. November 2021

Liebesgedicht

Heute habe ich meine Gedanken als Gedicht formuliert 🙂

19. November 2021

Himmel und Hölle

Was sind Himmel und Hölle? DarĂŒber habe ich in letzter Zeit nachgedacht. FĂŒr mich sind sie keine Orte „da oben“ oder „da unten“. FĂŒr mich sind sie ZustĂ€nde hier auf Erden.

Bekannte Darstellungen des Paradises locken mit unberĂŒhrter Natur und einem Leben frei von Scham und Vorurteilen. Sprich, ich kann rumlaufen, wie ich will, selbst wenn es nur ein Feigenblatt vorm Schniedel sein sollte. Niemand stört sich daran oder verurteilt mich dafĂŒr. Vielmehr sind alle wie Engelchen zueinander: liebevoll, achtsam und respektvoll.

Die Hölle mit ihrem ewigen Feuer, in welchem man braten muss, ist doch eigentlich nur Ausdruck von fortwĂ€hrendem Schmerz. DafĂŒr brauchen wir keinen HöllenfĂŒrst, das bekommen wir selbst gerade ganz gut hin. Unsere Lebensweise und unser Umgang miteinander bedeuten momentan fĂŒr fast alle Menschen anhaltenden Schmerz. Und ich meine nicht mal die großen UnglĂŒcke, wie Krieg, Vertreibung und Hunger.

Ich rede vom ganz alltĂ€glichen Feuer, mit dem wir uns Tag fĂŒr Tag einheizen.
– Der Zeitdruck, den wir auf uns und andere ausĂŒben
– Die vielen Erwartungen an uns und unsere Mitmenschen
– Die SchubkĂ€sten in die wir alle anderen hineinsortieren

Wir fĂŒhlen uns gestresst davon und werden ĂŒber die Jahre immer energieloser und krĂ€nker. Und obwohl wir selbst die negativen Auswirkungen davon deutlich spĂŒren, geben wir unseren Stress weiter wie einen Becher voll sĂŒffigem Wein. Alle werden benebelt davon und jeder beschwert sich dann torkelnd darĂŒber, dass die anderen herumtorkeln.

Warum tun wir das? Warum machen wir da mit? Warum können wir nicht einfach mit unserem Feigenblatt dastehen und den Stress an uns vorbei rauschen lassen? Wenn jeder sich das Paradies als unberĂŒhrte Natur vorstellt, warum schmeißen wir in unseren Garten Eden dann Snickers-Papier und Strohhalme? Jeder feiert dieses virale Video, in dem ein ganzer S-Bahn-Waggon nach und nach anfĂ€ngt zu lachen, nur weil einer angefangen hat und es so ansteckend ist. Aber beim nĂ€chsten Mal sitzen wir versteinert im Zug und wagen kaum, vom Handybildschirm hochzublicken.

Der Himmel ist da, wo wir uns trauen, ihn zuzulassen. Wo wir uns öffnen, wo wir wagen, wir selbst zu sein. Wo wir achtsam mit uns und unserer Umwelt umgehen und jeden so behandeln, wie wir auch selbst behandelt werden wollen. Himmel und Hölle
 nicht 2 Orte, die uns nach unserem Ableben willkĂŒrlich zugesprochen werden, sondern 2 ZustĂ€nde auf Erden, die wir mit vollem Bewusstsein wĂ€hlen dĂŒrfen. Cool oder? 😉

12. November 2021

Kuscheldecke

Ich sitze auf der FÀhre und weine. Still vor mich hin, in mich hinein. Etwas hat sich gelöst, endlich. Endlich habe ich begriffen.
Es ist Herbst 2019 und ich bin auf dem Heimweg von Hamburg zurĂŒck nach Schweden. Ich war auf einem Treffen fĂŒr Sprecher gewesen. TagsĂŒber hatte es lange VortrĂ€ge und Diskussionen rund um das Thema Sprecherberuf gegeben. Am Abend traffen sich alle noch auf einen persönlichen Schnack in der Hotelbar.

Es war gegen 2 Uhr nachts und ich wollte eigentlich gerade gehen, da kam ich ins GesprĂ€ch mit einer Kollegin aus Köln. Sie fĂŒhlte sich unheimlich wohl in ihrem Beruf und verriet mir ihr persönliches Erfolgs- und GlĂŒcksrezept: Sie visualisierte ihr eigenes GefĂŒhl von Geborgenheit. Sie stellte sich einen beschĂŒtzten und behĂŒteten Ort fĂŒr sich selbst vor, an dem es ihr gut ging. Eine riesige, kuschelige Decke um sich herum, die ihr WĂ€rme und Sicherheit gab.

Ich hatte natĂŒrlich schon von der Kraft des Visualisierens gehört. Man stellt sich Dinge, die man in der Zukunft erreichen möchte so real vor, als wĂ€ren sie bereits geschehen und zieht sie damit automatisch an. Eines der bekanntesten Beispiele fĂŒr Visualisierung ist der Schauspieler Jim Carry, der sich 1985 als noch unbekannter Schauspieler selbst einen Check ĂŒber 10 Mio. Dollar fĂŒr schauspielerische Leistungen ausstellte. Er war 10 Jahre in der Zukunft datiert und Jim Carry trug ihn fortan in seinem Portemonnaie mit sich herum. 1995 verdiente er 10 Mio. Dollar mit einer der Hauptrollen in „Dumm & DĂŒmmer“.

Ich fand die Visualisierung meiner Sprecherkollegin besonders faszinierend, weil sie sich nicht wie Jim Carry eine ganz konkrete, materielle Sache vorgestellt hatte, sondern ein GefĂŒhl. Und nach ein paar Stunden Zugfahrt am nĂ€chsten Morgen kam mir schließlich auf der kurzen FĂ€hr-Überfahrt von Deutschland nach DĂ€nemark das GesprĂ€ch vom Vorabend wieder in den Sinn. Ich stellte mir unweigerlich selbst die Frage, was mich denn geborgen und pudelwohl fĂŒhlen lĂ€sst. Wo konnte ich wirklich sein, wer ich war? Und plötzlich rannen die TrĂ€nnen nur so ĂŒber mein Gesicht und ich setzte mich etwas abseits, um ein wenig ungestört zu sein.

Die Wahrheit tut weh, wenn man sie so plötzlich erkennt. Musik! Musik war meine Heimat, meine warme Decke und mein kuscheliges Schnuffeltuch. Wenn ich sang, wenn ich komponierte, spielte und produzierte, dann stand die Zeit still. Dann kannte ich kein „zu frĂŒh“ oder „zu spĂ€t“, dann gab es kein „och nö, heut schon wieder“ oder verstohlene Blicke auf die sich nicht fortbewegenden Zeiger der Uhr. Musik war mein Leben!

Mit dieser Erkenntnis fĂŒhlte sich die Gewichtung und das Maß an Zeit, welches ich meinem Songwriting und Spiel zukommen ließ, lĂ€cherlich wenig an. Sprecherjobs hier, Bauen an der Webseite da, Googleranking, Aquise, Buchhaltung, Geldverdienen
 alles gut und schön. Und auch wichtig. Aber eben nicht DAS Wichtigste. Aber so lebte ich es leider damals in 2019. Und plötzlich tat es furchtbar weh, so zu leben. Es fĂŒhlte sich auf einmal wie Selbstbetrug an, so als hĂ€tte ich mich Jahre lang verleumdet.

Alles beginnt im Denken und FĂŒhlen. Wenn wir dort etwas Ă€ndern, Ă€ndert sich plötzlich unser ganzes Leben. Naja, nicht gleich natĂŒrlich
 aber wir Ă€ndern unsere Sicht auf das Leben und das Leben zieht dann StĂŒck fĂŒr StĂŒck nach.
Heute, 2 Jahre spĂ€ter, veröffentliche ich meine erste EP mit 4 Songs. Über 20 weitere Songs und Songideen warten nur darauf, dass ich sie aufnehme und ebenfalls in naher Zukunft release. Und ich kann mit voller Überzeugung sagen: „Sitzt, wackelt und hat Luft!“
Was, fragt ihr? Na die Kuscheldecke natĂŒrlich! Ganz warm ist sie um mich herum und ganz behĂŒtet fĂŒhle ich mich.

Traut euch! Ja, es wird eng werden unterwegs – ein Leben ist nicht mal eben so auf die Schnelle umgestellt. Und ich mach natĂŒrlich immer noch Sprecherjobs, Webseite, Googleranking und Buchhaltung. Aber ich weiß jetzt wofĂŒr! Nein, nicht zum Geldverdienen. Sondern fĂŒr das nĂ€chste Musikvideo, die nĂ€chsten Mixes und Masterings im Studio, die nĂ€chste selbstgebaute Gitarre in meinen HĂ€nden
 Uuuh ja!!! Das Feuer brennt Baby!!! Wir hören uns 😉

PS: Unter dem MenĂŒpunkt MUSIK könnt ihr meine EP “Nach Haus” hören.

5. November 2021

Hab ich doch gesagt

„Siehste! Hab ich doch gesagt!“
Ich hĂ€tte frĂŒher ausrasten können, wenn andere Menschen, insbesondere meine Mutter dies zu mir sagten, nachdem ich mich dazu entschlossen hatte, ihrem Rat zu folgen und etwas Positives dabei herausgekommen war. Es fĂŒhlte sich so an, als wĂ€re jemand anderes fĂŒr mein GlĂŒck und mein Vorankommen verantwortlich. Als hĂ€tte jemand Macht ĂŒber mich und meine Geschicke.

Doch dabei hatte ich immer etwas Wichtiges vergessen: Wie gesagt, ich hatte mich DAZU ENTSCHLOSSEN! Ich allein habe die Entscheidung gefĂ€llt, einem Ratschlag zu folgen oder nicht. Etwas zu tun, was ich fĂŒr sinnvoll und plausibel hielt oder eben nicht. Ist doch Banane, von wem ein Ratschlag kommt: Batman, meine Mutter oder die Frau in der Warteschlange an der Kasse.

Wenn ein Ratschlag gut ist, ist er gut. Wenn jemand mehr Erfahrung in einer Sache hat, als ich, dann hat er mehr Erfahrung in einer Sache. Und wenn jemand hinterher das GefĂŒhl hat, aufgrund eines Ratschlags fĂŒr meine positiven Wendungen und Geschicke im Leben verantwortlich zu sein, dann lasse ich ihn oder ihr seinen oder ihren Glauben. Ich darf ja auch denken, dass eine Sonnenblume nur wĂ€chst, weil ich den Kern eingegraben habe und ich ihm hin und wieder Wasser gebe


Bei genauerem Hinsehen wĂŒrde ich aber vielleicht doch darauf kommen, dass es da noch einige andere Faktoren gibt, die das Wachstum der Sonnenblume beeinflussen. Dinge, die viel grĂ¶ĂŸer sind als ich. Vielleicht wĂŒrde mir die Erde einfallen, auf der wir alle wandeln. Oder die Sonne, die uns wĂ€rmt und uns ihr Licht spendet. Vielleicht
 man weiß es ja nie 😉

29. Oktober 2021

Zebra & Krokodil

Das Zebra sagte zum Krokodil: „Findest du nicht auch, dass die Antilopen weiter weg stehen sollten vom Wasserloch? Es ist so eng, wenn die ganze Herde da steht und ich komme kaum an das Wasser zum Trinken heran.“ Das Krokodil aber erwiderte: „Im Gegenteil, ich finde, sie sollten noch ein StĂŒck dichter am Wasserloch stehen
“

Wir mĂŒssen aufpassen, wen im Leben wir um Rat fragen. Wenn ich frĂŒher manchmal unsicher war, dachte ich, es wĂ€re gut, so viele Meinungen wie möglich einzuholen, um dann in einer Art Durchschnitts-Analyse das Beste fĂŒr mich herauszukristallisieren. Das hat aber schlecht funktioniert. Heute weiß ich, jeder Mensch hat seinen eigenen Weg und seine eigene Art, zu denken und zu fĂŒhlen. Diese verschiedenen Wege und Lebenssichtweisen mĂŒssen nicht zwangslĂ€ufig zu unseren eigenen passen.

Andere Menschen meinen es hĂ€ufig gut und wollen uns helfen. Aber vielleicht sind sie viel Ă€ngstlicher, ordentlicher und rationaler als wir. Oder sie sind viel freiheitsliebender, unordentlicher und emotionaler als wir. In beiden FĂ€llen wĂŒrden sie uns Dinge raten, die nicht zu uns und unserem Weg passen. Anstatt wertvoller DenkanstĂ¶ĂŸe oder interessanter Blickwinkel bekommen wir dann nur Verwirrung und Ă€rgern uns vielleicht sogar ĂŒber die eine oder andere RĂŒckmeldung. Eigentlich kennt unser BauchgefĂŒhl nĂ€mlich immer schon die Anwort auf unsere Fragen. Manchmal zögern wir bloß aus Angst vor den Konsequenzen, die eine Entscheidung mit sich bringen wĂŒrde.

Wir mĂŒssen aufpassen, wen im Leben wir um Rat fragen. Es sollte jemand sein, dem wir zutiefst vertrauen, den wir schĂ€tzen, der einen Ă€hnlichen Weg geht, wie wir selbst und der wiederum auch uns schĂ€tzt und respektiert. Dieser jemand sollte uns nicht von seiner Sichtweise ĂŒberzeugen wollen, sondern im besten Falle erstmal nur zuhören. Beim bloßen ErzĂ€hlen merken die meisten Menschen schon, was sie eigentlich wollen. Und wenn dann wirklich noch eine andere Meinung gefragt ist, sollte diese behutsam, wertschĂ€tzend und unaufdringlich geĂ€ußert werden. Wie jemand, der mit uns zusammen auf einer Bergspitze steht, von der wir bewundernd ins Tal blicken und meinen, dies sei die ganze Pracht des Lebens. Wenn dieser jemand dann fragt: „Hast du dich schon mal umgedreht und dir das Tal auf der anderen Seite angesehen?“ liegt es immernoch an uns, dies wirlich zu tun oder aber auch einfach glĂŒcklich und zufrieden zu sein mit dem, worauf wir gerade blicken.

Wir mĂŒssen aufpassen, wen im Leben wir um Rat fragen. Vertrau dir und deinem BauchgefĂŒhl! Frag dich selbst als erstes und hab keine Angst vor den Antworten, die du bekommst. Deine Antworten bleiben bestehen, auch wenn du 100 Meinungen einholst. Ein guter Berater wird deine eigene Meinung erkennen und dir nur dabei helfen wollen, sie selbst zu entdecken und anzunehmen.

Niemand kann deinen Weg fĂŒr dich gehen. Also lass auch niemand anderen ans Steuer. Zebras sind gut. Krokodile sind gut. Aber eben verschieden. Und das ist gut so! 😉

22. Oktober 2021

Training

Hat schon mal jemand zu euch gesagt: „Boah, gestern hab ich wieder 2 Stunden auf meinem Sofa gesessen und beim Lesen meinen RĂŒcken krumm trainiert!“
NatĂŒrlich nicht 😉 Keiner setzt sich einen krummen RĂŒcken als Trainingsziel. Und trotzdem haben wir das alle schon gemacht. Wir sind nĂ€mlich zum Trainieren geboren! Wir sind Optimierungsmaschinen vom Feinsten und verbessern uns jeden Tag. Die Frage ist nur, in was?

Training ist Wiederholung und was wir wiederholen, trainieren wir. Wenn wir jeden Tag schnell Mittag essen, werden wir besser darin. Wenn wir regelmĂ€ĂŸig mit den Kindern auf dem Spielplatz sind, aber mit den Gedanken noch auf Arbeit, werden wir besser darin. Wenn wir oft mit anderen Menschen Zeit verbringen und dabei unsere wahren GefĂŒhle unterdrĂŒcken, können wir dies mit der Zeit immer besser und werden Profis im GefĂŒhle unterdrĂŒcken.

Training ist wertfrei. Nur weil wir etwas wiederholen, bedeutet dies nicht, dass es gut fĂŒr uns ist. Nach Jahren intensiven Trainings und Spielens sind die Knie eines Fussballers kaputt. Und auch unser Magen gibt irgendwann durch Aufstoßen, Sodbrennen, BlĂ€hungen, KrĂ€mpfe oder gar GeschwĂŒre zu verstehen, dass er langsames Essen lieber mag.

Was wir fĂŒr ein gesundes und glĂŒckliches Leben brauchen sind 2 Dinge, damit wir die richtigen Sachen trainieren können:
1.) Wissen darĂŒber, was uns gut tut
2.) Fokus und Achtsamkeit im Alltag, um mit vollem Bewusstsein die Dinge zu wiederholen, die uns gut tun

Was uns gut tut, mĂŒssen wir durch Probieren herausfinden. Wir kommen weder mit Betriebsanleitung auf die Welt, noch leben wir in einer Gesellschaft, die besonders großen Wert auf Individualismus und Achtsamkeit legt. Es muss unser eigener Anspruch werden, uns zu entdecken, zu entfalten und Verantwortung fĂŒr uns zu ĂŒbernehmen. Mein RĂŒcken tut weh? Dann habe ich 2 Möglichkeiten zu reagieren:

„Ach, wird schon wieder! Hab keine Zeit, mich drum zu kĂŒmmern. Herr Doktor verschreiben sie mir mal Massage! Hilft nicht? Dann bitte Schmerzmittel!“
oder
„Warum tut mein RĂŒcken weh? Was gibt es dazu bereits fĂŒr Wissen in BĂŒchern und im Netz? Wie stehe ich eigentlich? Wie schlafe ich eigentlich? Wie sollte ein starker, gesunder RĂŒcken eigentlich aussehen?“

Am Anfang mĂŒssen wir Fragen stellen. Nur wenn wir Fragen stellen, können wir auch nach Antworten suchen. Wir mĂŒssen wagen, uns buchstĂ€blich in Frage zu stellen. Dann beginnt ein Weg, auf dem wir mehr ĂŒber uns kennen und verstehen lernen. Und ĂŒber Ausprobieren und Beobachten werden wir bald fĂŒhlen und sehen, was uns gut tut.

Achtsamkeit im Alltag ist schwer! So viele Dinge fordern uns und unsere Aufmerksamkeit: Familie, Job, Haushalt. Wie soll man beim Tippen am Computer, beim Abholen der Kinder, beim Kochen fĂŒr die Familie und beim Staubsaugen durch den Flur auch noch an einen geraden RĂŒcken denken?
Zuallererst mĂŒssen wir es wollen! Weil wir erkannt haben, wie wichtig es ist. Weil wir fĂŒhlen, wie wichtig wir uns selbst sind und wie sehr unser oft empfundener Schmerz, unsere Ängste und unsere Sorgen mit der fehlenden Achtsamkeit zusammenhĂ€ngen.

Und dann mĂŒssen wir klein anfangen. Trainieren! StĂŒck fĂŒr StĂŒck, jeden Tag ein winziges Bisschen mehr. Einmal kurz unterbrechen und merken, wie krumm wir gerade am Computer sitzen und fĂŒr 30 Sekunden gerade stehen. Am nĂ€chsten Tag wieder. Und am Tag darauf schaffen wir schon 1 min, unsere Haltung zu korrigieren.
Nach einer Woche fĂ€llt uns schon 3 mal auf, dass wir gerade blöd stehen und wir rollen jedes Mal mit den Augen, weil wir immer wieder zurĂŒckrutschen in diese blöde Haltung, aber nun ist unser Ehrgeiz geweckt und wir wollen nicht mehr krumm stehen. Wir wollen groß, gerade und stark sein. Wir wollen nicht, dass dieses Tippen am Computer uns runterzieht. Wir wollen ĂŒberhaupt nicht mehr, dass uns irgend etwas runterzieht. Kein Staubsauger, kein Kind und keine Einkaufstasche. Wir stehen gerade und aufrecht im Alltag, egal, was uns begegnet und was wir gerade machen. Denn wir sind stark und haben Verantwortung fĂŒr uns ĂŒbernommen. Wir haben ebenso hart trainiert, wie jeder Olympionik. Unseren Sieg brauchen wir mit keinem Land zu teilen, er gehört allein uns und unsere Goldmedaillen heißen Mut, StĂ€rke und Zuversicht. Niemand kann uns jetzt mehr aufhalten auf unserem Weg zum GlĂŒck, denn wir wissen, was wir wollen. Wir wollen Lebensfreude, wir wollen wahre GefĂŒhle und wir wollen Liebe empfinden. Und nun wissen wir, wie wir dahin kommen.

Training ist Wiederholung und was wir wiederholen, trainieren wir. Wir mĂŒssen nur das Richtige trainieren, dann wird es uns gut gehen 🙂

15. Oktober 2021

Radikal vs. Vollkommen

Neulich begegnete mir das Wort „radikal“ in einem seltsamen Kontext. Es wurde „radikale“ Selbstliebe gefordert

Radikal klingt fĂŒr mich nach „wildem Entschluss“, nach „heftiger Umsetzung“ und nach „wehe, einer hĂ€lt mich jetzt noch davon ab“.

Es klingt nach „lieber schnell und mit Wucht, als mit Ruhe und Kraft“. Wie jemand, der eine TĂŒr lieber einrennen möchte, anstatt sich Zeit zu nehmen, den SchlĂŒssel zu suchen. Mit dem Ruf „Platz da, jetzt komm ich!“ wird sich auf die lang ersehnte Selbstliebe gestĂŒrzt. Zu lange schon musste man warten! Nun wird Anlauf genommen und diejenigen, die sonst immer zwischen einem und der Selbstliebe standen, werden nun kurzerhand zur Seite geschubst.

Ich liebe mich selbst! Nicht radikal, aber aufrichtig, bedingungslos und vollkommen. Und beim immer tiefer Eintauchen in mich selbst, beim immer mehr Akzeptieren, Zulassen, Loslassen und Lieben geschah etwas Sonderbares: Plötzlich stieg ein VerstĂ€ndnis, ein MitgefĂŒhl, ja eine Art Liebe auch fĂŒr alle anderen Menschen in mir auf. Und ich fĂŒhlte, dass ich mich nie vollkommen selbst lieben kann, wenn diese Liebe nicht auch auf meine Umwelt strahlt und sie mit einbezieht. Ich erkannte mit einem Mal, dass all jene, die mir vorher harsch, egoistisch, unsensibel oder gar verletzend begegnet waren, nicht mich damit meinten, sondern sich. Dass ich nur der Spiegel fĂŒr ihre fehlende Selbstliebe war. Dass mir niemand im Weg stand auf dem Weg zu meiner eigenen Selbstliebe, sondern dass ich in einem Feld von grauen und mĂŒden Gestalten einfach nur die Augen schließen und das Leuchten in mir drinnen suchen musste. Dass ich, um mein Licht wieder zu finden, nicht mit Wucht irgendwo hin, sondern mit Überzeugung stehen bleiben musste.

Ich wĂŒrde das Wort „radikal“ gern durch das Wort „vollkommen“ ersetzen. „Radikale“ Liebe ist Kampf. „Vollkommene“ Liebe ist Ruhe und Klarheit, in mir selbst und aus mir heraus fĂŒr andere. Und wenn ich hell genug leuchte, fest genug stehe und stark genug liebe, werde ich die anderen nicht mehr spiegeln, sondern nur noch ich sein. Wie ich bin. Geliebt. Von mir. Vollkommen.

8. Oktober 2021

Warum

Wir saßen am KĂŒchentisch und schwiegen uns an. Es war herrlich! Je lĂ€nger die Stille dauerte, desto glĂŒcklicher wurde ich. Die Frage des „Warum?“ stand im Raum und ich ignorierte sie einfach fortwĂ€hrend und kicherte dabei innerlich in mich hinein.

Wir fragen uns oft in unserem Leben, warum dieses oder jenes geschieht oder warum dieser oder jener etwas tut. Und jedes Mal ist es ein Anecken an unsere innere Grenze von dem, was wir erwartet haben.

Kinder beginnen mit etwa 5 Jahren, die Welt fĂŒr sich zu entdecken und zu vergrĂ¶ĂŸern. Jede Antwort auf eine ihrer endlosen Warum-Fragen erleuchtet ihnen einen weiteren Teil dieser riesigen, noch unbekannten Welt, in die sie da hinein geboren wurden. Je Ă€lter wir werden, desto mehr tendieren wir allerdings dazu, Warum-Fragen zu stellen, um unsere Welt wieder zu verkleinern. Um sie zu begrenzen und unter Kontrolle zu halten.

Und auch ich verstand an diesem Abend mit meinem Sohn am heimischen KĂŒchentisch nicht, warum er nach dem letzten Fussballtraining wĂŒtend geworden war. Warum er im Nachhinein bei der Abschlussfeier nur draußen, schweigend und bockend in der Dunkelheit gesessen hatte, wĂ€hrend die anderen im Clublokal Kuchen aßen und warum er sich im Anschluss in der Dunkelheit versteckt hielt, bis ich – unwissend, wo er sich aufhielt – zur Sicherheit in alle Himmelsrichtungen rief, dass wir jetzt nach Hause fahren.

Aber inwiefern hĂ€tte ihn und mich eine Frage nach dem Warum weitergebracht? HĂ€tte ich damit nicht einfach nur zum Ausdruck gebracht, dass mir sein Verhalten missfallen hat? Dass ich es untolerierbar fand und deshalb infragestellte? Dass ich eine ErklĂ€rung wĂŒnschte, weil es nicht in meinem VerstĂ€ndnisbereich lag?
Ich spĂŒrte in diesem Moment am Tisch 2 Impulse in mir: Einen, der die Warum-Frage stellen wollte und dann noch einen, der die Stille nicht nur aushalten, sondern sich in sie hineinlegen und sie genießen wollte. Der sie betrachten, befĂŒhlen und umarmen wollte. Der merkte, dass er es noch nie in seinem Leben zuvor geschafft hatte, sie auszuhalten und deshalb immer aus Unsicherheit mit einem „Warum“ in sie hineingestĂŒrmt war, wie eine Herde Bauern mit Fackeln in den finsteren Wald, um das Untier zu verscheuchen.

Was ging mich seine Wut an? Ich hab doch Kuchen im Clublokal gehabt. 3 Mal! 😀
Er wĂŒrde schon mit mir reden, wenn er das wollte. Und so lange er das nicht wollte, wĂ€re mein Schweigen wie ein sanftes Streicheln ĂŒber seinen RĂŒcken, das sagte: „Hey, ich versteh dich. Das ist manchmal alles nicht so leicht. Aber mir musst du nichts erklĂ€ren. Du kannst bei mir einfach sein, wie du bist!“

1. Oktober 2021

Auf das Leben

Wenn man weise oder gar erleuchtete Menschen nach dem Sinn des Lebens fragt, bekommt man meist ein LĂ€cheln geschenkt. Ein mildes und gĂŒtiges LĂ€cheln, so wie eine Mutter lĂ€chelt, wenn das Kind fragt, warum es denn die Geschenke nicht schon heute bekommen kann, sondern noch bis zum Geburtstag warten muss.

Das liegt daran, dass es auf diese Frage keine Antwort gibt. Wenn wir uns vorstellen, unser Leben wĂ€re ein Ausflug in eine Bildergallerie mit atemberaubenden, farbenfrohen und ergreifenden Bildern, dann schreibt uns keiner vor, wie wir uns dort zu verhalten haben. Wir können vor Bildern stehen und uns in ihrem Detailreichtum und ihrer Anmut verlieren. Wir haben die Möglichkeit, den Pinselstrichen, Farben und Formen des Malers zu folgen und ihn fĂŒr seine KreativitĂ€t, seine Lebendigkeit im Ausdruck und seine Art zu malen zu bewundern.

Wir können aber auch genauso gut popelnd vor dem Bild stehen und darĂŒber nachdenken, was es zum Abendbrot geben soll. Wir können heimlich unseren Kaugummi hinter den Rahmen kleben und uns ĂŒber das Aufsichtspersonal lustig machen. Wir können die Bilder bekritteln und uns darĂŒber echauffieren, wie man die Welt nur blau oder gelb malen kann. Das hĂ€tten wir viel besser, viel schneller und viel effizienter gemacht. Und ĂŒberhaupt hĂ€tten wir viel mehr Farbe und einen grĂ¶ĂŸeren Pinsel verwendet.

Es gibt keinen Sinn des Lebens. Es gibt nur das Leben. Sinn verleiht dem Leben, was immer wir damit anstellen. Unsere Einstellung zum Leben und unsere Sichtweise darauf kreieren den Sinn oder Unsinn, der am Ende dabei herauskommt. Wir erschaffen etwas und mĂŒssen dann mit den Konsequenzen leben. Am besten ist also, wir erschaffen etwas, was uns glĂŒcklich macht und lassen Dinge hinter uns, die uns unglĂŒcklich machen.

Du fĂŒllst das Glas und du trinkst es hinterher aus. Deshalb kann kein noch so weiser oder erleuchteter Mensch dir die Frage nach dem Sinn beantworten. Er oder sie haben sie fĂŒr sich selbst beantwortet und nun haben sie Milde und GĂŒte fĂŒr jene, die noch an der selbsteingeschĂ€nkten sauren Milch, am bitteren Kaffe oder am scharfen Weinbrand nippen und sagen: „Nicht schlecht, aber auch irgendwie nicht gut!“

Sei achtsam, sei bestimmt, sei gut zu dir selbst und sei milde zu allen anderen. Egal, welches Glas gerade vor uns steht. Wir mĂŒssen das nicht austrinken. Wir können jederzeit den Finger aus der Nase ziehen, den Blick vom Handybildschirm heben und das wunderschöne GemĂ€lde vor uns mit allen Sinnen wahrnehmen. Es ist dein Leben. Gib ihm den Sinn, den du verdienst und der dich glĂŒcklich macht!

24. September 2021

Wachsen

Ein wenig musste ich lachen, als meine Oma mir vor ein paar Jahren erzĂ€hlte, wie sie damals ihrem frisch verheirateten Mann klarmachte, dass sie garantiert nicht seine Köchin spielen wĂŒrde. Er solle gefĂ€lligst selbst den Kochlöffel in die Hand nehmen und lernen, wie es geht. Sprach sie da wirklich ĂŒber meinen Großvater Erich? Den geschickten Konditor, der spĂ€ter Chemie- und Mathelehrer wurde? Den talentierten Hobbykoch, der zwar nicht oft, aber wenn, dann mit FeingefĂŒhl und ĂŒberraschendem Ehrgeiz kochte? Der einen Tisch geschmackvoll decken konnte und mir selbst das Serviettenfalten beigebracht hatte?
Ich bin froh, dass er damals die Herausforderung angenommen und die Chance genutzt hat, mehr in sich zu entdecken. Mehr, als nur den coolen, Tolle trangenden Jugendlichen, der mit dem Moped laut knatternd durch die Straße meiner Großmutter fuhr, um sie zu beeindrucken. Oft steckt mehr in uns, als wir glauben und oft sind es andere, die es sehen. Wenn wir diesen anderen Menschen vertrauen und mit einer Mischung aus unbedarfter Experimentierfreude und Mut zum eventuellen Scheitern einfach machen, geschieht etwas Wunderbares: wir wachsen! Es sind genau diese Momente, in denen wir uns entfalten und unsere eigenen Grenzen ein StĂŒck weiter nach außen verlagern.

Eine Zeit lang war ich als Co-Trainer fĂŒr die Fußballmannschaft unseres Ă€lteren Sohnes mitgelaufen. Ich hatte tierischen Bammel vor dem einen Tag, an welchem die 2 Haupttrainerinnen mal verhindert sein wĂŒrden und ich dann gefragt werden wĂŒrde, ob ich den vorpubertierenden Haufen 12jĂ€hriger Jungs, anderthalb Stunden lang trainieren könne. Auf schwedisch!
NatĂŒrlich kam der Tag, denn das Leben meint es gut mit mir. Es wollte mir die Chance geben, grĂ¶ĂŸer zu werden, selbstbewusster und weniger Ă€ngstlich. Es wollte mir klarmachen, dass es nicht unsere perfekte Wortwahl oder Aussprache ist, die uns auszeichnen und ausmachen als Person, sondern unsere FĂ€higkeit, andere zu begeistern, unser EinfĂŒhlungsvermögen und unsere KreativitĂ€t. Es wollte mir jenen Moment gönnen, in welchem ich mich mit einem Zettel und Papier hinsetzte, um die Übungen fĂŒr’s Training vorzubereiten und in welchem ich spĂŒrte, wie viele tolle Möglichkeiten der Selbstverwirklichung ich plötzlich hatte. 15 junge Menschen wĂŒrden dem Signal meiner Trillerpfeife gehorchen und ich hatte die Chance, dieses Erlebnis zu etwas Positivem zu machen. Ich konnte Spaß vermitteln und Freude an KraftĂŒbungen wecken. Ich konnte MannschaftsgefĂŒhl stĂ€rken und Bewusstsein fĂŒr Spielsituationen schĂ€rfen.

Ich wusste das alles nicht, denn ich hatte nie zuvor jemanden in einer Sportart trainiert. Aber das Leben wusste es. Es wusste, welche Euphorie ich spĂŒren wĂŒrde beim Erkennen meiner neuen Möglichkeiten und wie wohl und stolz ich mich mit dieser Verantwortung fĂŒr die Jungspunte fĂŒhlen wĂŒrde. Es hatte volles Vertrauen in mein LĂ€cheln, Lachen und Anfeuern, welche eine viel deutlichere Sprache sprechen, als mein gebrochenes Schwedisch.

Letzten Dienstag hatte ich meinen zweiten Einsatz und ich wusste im Vorhinein, dass ich das ohne Probleme meistern wĂŒrde. Ich hatte das ja schon einmal gemacht. Am Ende des Trainings sagte sogar einer der Jungs, dass es ein tolles Training gewesen sei. YES! Das Auskosten, Freuen und Stolzsein hinterher finde ich sehr wichtig. Wir haben etwas Tolles geleistet! Wir sind gewachsen. Über uns selbst hinaus. Wir sind jemand anderes geworden, von einem Moment auf den anderen. GrĂ¶ĂŸer, stĂ€rker, mutiger! Das sollten wir unbedingt und in ganz ganz tiefen ZĂŒgen genießen. Denn wer weiß, wann die nĂ€chsten Menschen etwas in uns sehen, wovon wir selbst noch nichts wissen. Und dann fragen sie ganz unverblĂŒhmt: „Äh, sag mal, traust du dir das zu?“ Und schon stehen wir wieder da wie zuvor und fragen uns: Bleib ich stehen? Oder wage ich den Sprung ĂŒber die nĂ€chste Klippe
? 😉

17. September 2021

2 BrĂŒder

Manchmal werde ich hier in Schweden gefragt, warum wir hergezogen sind. Um zu erklĂ€ren, weswegen es mir hier deutlich besser gefĂ€llt, bemĂŒhe ich dann gern den Vergleich von Deutschland und Schweden als 2 BrĂŒder, wobei Deutschland der Ă€ltere von beiden ist. Beim Erstgeborenen sind die Eltern hĂ€ufig noch unerfahren, und mĂŒssen das Leben mit Kindern erst kennen lernen. Sie sind noch sehr viel vorsichtiger und strenger, als beispielsweise dann beim zweiten oder spĂ€teren Kindern. Aus diesem Grund ist auch das erste Kind in der Regel eher vorsichtig und etwas zögerlich in seinen Entscheidungen. Es wĂ€gt ab zwischen den eigenen GefĂŒhlen und dem, was die Eltern sagen wĂŒrden und hĂ€lt sich mehr an die aufgestellten Regeln. Der jĂŒngere Bruder hingegen ist viel impulsiver, spontaner und unbedarfter. Er macht, was er gerade fĂŒhlt und was er fĂŒr richtig hĂ€lt.

Am Dienstag zum Beispiel war ich in Jönköping, um dort neue Fotos machen zu lassen. Auf dem Weg dorthin stehen etwa 10 Blitzer am Straßenrand. Aber alle werden ca. 100 Meter vorher mit einem Schild angekĂŒndigt. Warum?, fragt man sich sofort als Deutsche oder Deutscher. Jeder fĂ€hrt doch die ganze Zeit, wie er will und nur bei den Blitzern geht er dann kurzzeitig vom Gas und hĂ€lt sich an das Tempolimit!
Richtig! Und genau das ist die Absicht: Die Blitzer stehen meist bei Ab- oder Zufahrten und in diesem Moment soll gewÀhrleistet werden, dass das Tempo sachter ist, um UnfÀlle zu vermeiden.

Schweden’s Straßen sind vergleichbar mit unseren Autobahnen, nur dass hier ein Tempolimit von 90, manchmal 100 km/h gilt. Denn es wissen alle, dass man eh seine 10-20 km/h schneller fĂ€hrt. Und so sind die Schweden: Sie planen das menschliche GemĂŒt, das kleine Fehltreten, das Kind im Erwachsenen, den Spaß am Leben mit ein. Schweden sind unheimlich bemĂŒht und engagiert in Allem, was sie tun und zur gleichen Zeit aber total entspannt, wann mal was schief geht, wenn man etwas nicht weiß, wenn man etwas verschwitzt oder ein bisschen zu spĂ€t kommt. Alles menschlich! Wo der große Bruder Deutschland das seriöse „Ist-das-dein-Ernst“-Gesicht aufsetzt und mit erhobenem Zeigefinger die von Mutti eingeimpften BelehrungssĂ€tze vom Stapel lĂ€sst, zwinkert der kleine Bruder Schweden dir belustigt zu und sagt: „Ist mir gestern auch passiert. Nicht schlimm!“.

Wer nach Schweden kommt, sollte unbedingt das Wort „Fika“ in seinem Repertoire haben. Es ist vergleichbar mit einer kleinen, gemĂŒtlichen Zwischenmahlzeit, wir wĂŒrden auch Kaffeetrinken oder Vesper dazu sagen. „Fika“ geht immer und ĂŒberall und es ist das nordische Socialising. Bei Kaffee, Tee und Zimtschnecken wird das wirklich Wesentliche besprochen: Wie es dem Hund geht, ob die KĂŒrbisse dieses Jahr auch gut wachsen und ob es am Wochenende regnen soll oder nicht. Wenn sich all unsere Nachbarn einmal im Jahr treffen, um den Unterhalt der Schotterstraße zu besprechen, die bei uns allen am Haus vorbei fĂŒhrt, ist jedem und jeder klar: 30 min. Einnahmen, Ausgaben, Ämterverteilung, WinterrĂ€umung, Kantenbeschnitt, Wegmarkierung und Schlaglochausbesserung besprechen und dann endlich „Fika“ und ran an die große Torte, die der Vorstand von den Vereinseinnahmen besorgt hat.

Das habe ich von den Schweden gelernt: Wer auf sich Acht gibt und den Fokus auf dem Spaß am Leben, dem Menschsein und den kleinen Freuden und Aufmerksamkeiten des Alltags behĂ€lt, der kann großzĂŒgig und warmherzig mit seiner Umwelt sein. Denn er hat nicht das GefĂŒhl, sich etwas zu verkneifen oder auf etwas verzichten zu mĂŒssen, was er gern hĂ€tte. Es ist besser, genĂŒgend Spielraum nach oben zu haben, denn dann kann man enspannt reagieren, wenn doch etwas Unvorhergesehenes oder Ungeplantes passiert. Und es wird passieren, denn
 wir sind alle nur Menschen!

Ist ja alles nicht schlimm. Auch als großer Bruder kann man im Laufe seines Lebens dazu lernen und mit der Zeit entspannter werden. Falls ich das noch miterlebe, komme ich vielleicht wieder nach Deutschland und mache ein Zimtschnecken-CafĂ© auf. 😉

10. September 2021

Lernen

Gleich wĂŒrde ich die Bombe platzen lassen und sie vor der ganzen Klasse lĂ€cherlich machen. Ich griente vor Vorfreude, als die Physiklehrerin den Stoff der letzten Stunde wiederholte und fragte, welche „Rollen“ wir kennen. Eifrig riss ich meine Hand empor und bekundete damit absoluten Willen, meinen MitschĂŒler*innen vom Flaschenzug und anderen KrĂ€fte verteilenden Rollen zu berichten. Als ich auch direkt rankam, beteuerte ich stattdessen aber mit gespielt naivem Unschuldsgesicht, dass ich VorwĂ€rts-, RĂŒckwĂ€rts- und auch Klo-„Rollen“ kennen wĂŒrde. Meine Antwort verfehlte nicht im Mindesten ihre Wirkung: die Klasse grölte los und ich wurde ins Exil auf den Flur verbannt.

Ich bin keiner von jenen Menschen, die sich nun weise schmunzelnd zurĂŒck lehnen und sagen: „Ja, ja, damals, das waren noch Zeiten. Heute bin ich natĂŒrlich ruhiger und erwachsener!“ Ich fĂŒhle den 16-jĂ€hrigen Jungen immer noch genauso in mir, wie damals. Schule war ein bisschen wie Lotto spielen. Entweder interessierte einen der Stoff oder nicht. Entweder kam man mit einer Lehrerin klar oder nicht.
Heute bin ich nett zu all meinen Lehrerinnen und Lehrern, denn ich suche sie mir selbst. Ein Kumpel von meinem Sohn kann fĂŒr einen kurzen Moment mein Schwedischlehrer sein, weil er ein mir unbekanntes Wort benutzt, welches ich eifrig einsauge. Die Katze begegnet mir, selbst nach dem ich sie gescholten habe fĂŒr’s auf den Esstisch gehen, immer wieder mit soviel Sanftmut und Zuneigung, dass es auch mich inspiriert, diese in meinen Beziehungen zu anderen Menschen mehr walten zu lassen. Letzte Woche erhielt ich Lehrstunden im Bauen einer Abwasseranlage, als diese auf unserem GrundstĂŒck neu gemacht wurde. Sohnemann saß im Bagger und grub und schachtete, wĂ€hrend der Vater des Familienbetriebes mit seinen 74 Jahren daneben stand und mir wohlwollend alles erklĂ€rte, was vor sich ging und warum dieses und jenes wichtig sei.

Wenn wir achtsam genug sind, erhalten wir stets und stĂ€ndig gratis Unterricht von den besten Lehrerinnen und Lehrern der Welt. Denn sie unterrichten nicht nur, sondern leben vor, was sie uns lehren wollen. Dankbar nehme ich diese Lektionen entgegen. Denn ich habe das GefĂŒhl, dass es unsere Aufgabe ist, nie fertig zu werden. Immer auf dem Weg zu sein. Genau dafĂŒr lernen wir, fĂŒr das nĂ€chste StĂŒck Weg, fĂŒr die nĂ€chsten paar Meilen, die vor uns liegen. Lernen macht glĂŒcklich, wenn wir selbst wĂ€hlen dĂŒrfen.

Arme Frau Zanker, die damals diesen vorlauten Jungen in ihrer Physikstunde hatte. Was wollte das Leben sie damit lehren? Was wollte es mich lehren? Genau weiß ich es natĂŒrlich nicht, aber draußen auf dem Flur dachte ich jedenfalls nicht ĂŒber das zuvor Geschehene nach, sondern tĂŒftelte womöglich in meinem Kopf an irgend einem Text oder einer Melodie herum. Aus heutiger Sicht eine durchaus wertvoll genutzte Physikstunde
 😉

3. September 2021

Kein Held

Nennt mich kindisch, aber ich bin immer noch Batman-Fan. Ich habe fast alle Filme gesehen. Neulich war ich sogar selbst Batman. Naja
 zumindest fĂŒhlte ich mich genau wie er. Um das zu erklĂ€ren, muss ich ganz kurz das Ende von „The dark knight“ erklĂ€ren: Der Staatsanwalt Harvey Dent stirbt. Dieser war Gotham Citys Hoffung auf eine hellere Zukunft, bevor der Bösewicht Joker ihn in den Wahnsinn trieb und zu 5 Morden anstiftete. Um Gotham City nicht die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu nehmen und den Joker nicht gewinnen zu lassen, nimmt Batman die von Dent begangenen Morde auf sich. Nur der Polizeidirektor Jim Gordon kennt die Wahrheit. Schweren Herzens hetzt er in der Schlussszene seine MĂ€nner auf Batman und dann kommt folgender epischer Dialog zwischen ihm und seinem kleinen Sohn:

– „Warum lĂ€uft er weg, Dad?“
– „Weil wir ihn jetzt jagen mĂŒssen!“
– „Er hat doch nichts Falsches getan!“
– „Weil er der Held ist, den Gotham verdient, aber nicht der, den es gerade braucht.
Also jagen wir ihn! Weil er es ertragen kann! Denn er ist kein Held!
Er ist ein stiller WĂ€chter! Ein wachsamer BeschĂŒtzer! Ein dunkler Ritter!“

Witzig, aber als mein großer Sohn, 11 Jahre alt, mich nach seinem Fußballturnier am Sonntag fragte, ob er noch mit zu einem Kumpel gehen darf und spielen (das ist die nette Umschreibung fĂŒr Minecraft zocken), sah ich in seine mĂŒden Augen und sagte nein, er mĂŒsse sich erstmal zu Hause ausruhen und auf den folgenden Schultag vorbereiten. Als dann das wohlbekannte „Papa-du-bis-total-doof-und-ich-will-nie-wieder-mit-dir-sprechen-Gesicht“ aufgesetzt wurde, fĂŒhlte ich sie plötzlich ganz stark in mir, die Schlusszeilen von Batman:
„Weil ich der Held bin, den mein Sohn verdient, aber nicht der, den er gerade braucht. Also werde ich gejagt. Weil ich es ertragen kann. Denn ich bin kein Held! Ein stiller WĂ€chter! Ein wachsamer BeschĂŒtzer! Ein dunkler Ritter!“

Genau wie die Einwohner von Gotham City, so wissen auch die Kinder nie, was man eigentlich alles leistet. Einsam steht man mit wehendem Heldenumhang auf dem Wolkenkratzer und schaut beschĂŒtzend auf sie herab. Man muss Entscheidungen treffen, fĂŒr die sie einen anschreien, TĂŒren knallen und das volle Repertoire ihrer Abneigung entpacken und vorfĂŒhren. Und doch tun wir diese Dinge. Weil wir wissen


– dass es nicht jeden Tag nur Hamburger und Pizza geben kann
– dass man nicht nur von frĂŒh bis abends Filme schauen kann
– dass Schokocreme ein Genuss- und kein Nahrunsmittel ist
– dass Lesen und Schreiben lernen wichtig ist
– dass man nicht jeden Tag bei der besten Freundin oder dem besten Freund ĂŒbernachten kann
– dass man nicht einfach ein Pferd kaufen und irgendwo hinstellen kann
– dass AufrĂ€umen nĂŒtzlich bis notwendig ist
– dass kaputte Dinge Geld kosten

Ich bin mir sicher, ihr und ich hĂ€ttet noch hunderte Beispiele, um diese Liste fortzufĂŒhren. Nein ehrlich, als Mama oder Papa muss man eine starke SelbstĂŒberzeugung von dem haben, was man da macht. Denn unsere tĂ€glichen SchlagabtĂ€usche werden nicht actionreich verfilmt und es schlĂ€ft auch keiner in BettwĂ€sche mit unseren Gesichtern darauf. Unsere Heldentaten finden ganz im Stillen statt und wir sind die Einzigen, die davon wissen. Vielleicht wĂ€re ja die Welt schon ein bisschen leichter, wenn wir genau wie Batman im Nebenjob auch MilliardĂ€re wĂ€ren. Dann wĂŒrden einen die ersten Schreibversuche auf dem Autolack viel weniger jucken
 😉

27. August 2021

Herzensmusik

Es war ein warmer Sommerabend. Mit meinem Vater, meinem Cousin und ein, zwei anderen GĂ€sten saßen wir am knisternden Lagerfeuer. Wolfgang holte seine Gitarre aus dem großen Gemeinschaftsbungalow. Ihm gehörte das Kanu-Camp, in welches wir eher durch Zufall geraten waren. Mit Inbrunst und Lebensfreude begann er dann, Lieder von Reinhard Mey und Hannes Wader zum Besten zu geben. Hin und wieder setzte er dabei auch die Mundharmonika an die Schnauzbart geschmĂŒckten Lippen und schmetterte sie zum poltrigen Zupfen seiner Finger durch die laue Sommernacht.
Ich war hingerissen, verzaubert, betrunken von der Wucht der ungeschminkten Schönheit dieses Musizierens. Ich war 13. An diesem Abend wurde ein Funke in mir entzĂŒndet, der mich von da an mein gesamtes, weiteres Leben begleiten sollte.
Wieder daheim, sah ich plötzlich die alte Gitarre meiner Mutter, die seit Jahren dekorativ in der Ecke stand, mit anderen Augen. Ich wollte darauf spielen. Also wĂŒnschte ich mir zum nĂ€chsten Geburtstag ein Gitarrenlehrbuch. Ein zuvor sehnlichst gewĂŒnschtes Keyboard lag nach kurzem Intermezzo seit einem halben Jahr unbespielt im Schrank. Daher sahen meine Mutter und mein Stiefvater meinem neuen, musikalischen Anlauf zwar neugierig, aber auch leicht belĂ€chelnd entgegen. Diese armen Tröpfe! Sie konnten nicht wissen, das dies MEIN Instrument war, das dies MEIN Weg war. Die Gitarre wurde schnell zu einem starken Ausdruck meiner Seele. Ihre Saiten waren nicht unten am Steg befestigt, sondern direkt in meinem Herzen.
Die erste, schĂŒchtern-missglĂŒckte Schulliebe inspirierte mich zu einem Song, welchen ich aufnahm. Das war beim guten Timothy, der langhaarig und mit Vollbart in seinem nach Nag Champa RĂ€ucherstĂ€bchen duftenden Wohnzimmer im Prenzlberg dem jungen Rechtsanwaltssohn aus der Einfamilienhaussiedlung am Stadtrand einen heiligen Platz bot, um seine ersten, wackeligen, musikalischen Schritte zu gehen.
Mit 16 hat man, mal ganz abgesehen vom hormonal-emotionalen Ausnahmezustand, in dem man sich befindet, nicht viel zu tun. Das wachsende Bewusstsein fĂŒr die Ausmaße der mich umgebenden Welt in Kombination mit den Konflikten, die sich aus meinem Innen und dem Außen ergaben, waren ein absolutes Brutbecken fĂŒr hoch emotionale Songs und Texte. Ohne Ahnung von Noten, Technik und Aufnahmeprozedere setzte ich mich wenig spĂ€ter vor ein Mikro in meinem Zimmer und bannte mit einfachsten Mitteln auf Kassettenband, was mich bewegte. Wenn ich mir heute die Aufnahmen anhöre, muss ich zum einen belustigt den Kopf schĂŒtteln ĂŒber die ganzen technischen Faux pas, andererseits liegt auch etwas Magisches in diesen naiven und mit solcher Überzeugung und Emotion eingespielten Songs.

Heute verstehe ich, dass es diese NaivitĂ€t ist, die ein KĂŒnstler braucht, um wahre Kunst zu schaffen. Es ist das strickte Weigern, die Welt so zu sehen, wie andere sie sehen, selbst wenn man auf UnverstĂ€ndnis oder gar Ablehnung stĂ¶ĂŸt. Es ist das alleinige Vertrauen der inneren Welt und das Priorisieren des eigenen BauchgefĂŒhls ĂŒber allem anderen.
Ich verlor einen Teil dieser NaivitĂ€t beim Versuch, musikalisch besser und vielseitiger zu werden. Mein Ehrgeiz und die Art, wie ich erzogen wurde, suggerierten mir, dass ich Stile, Noten, Theorie und Technik erlernen mĂŒsse, um erfolgreich zu werden. Nach unbedarften Bandprojekten in verschwitzten und muffigen Jugendclub-ProberĂ€umen, zog eines Tages in der U-Bahn ein Plakat meine Aufmerksamkeit auf sich: Es wurde ein privates Popmusik-Studium angeboten, mit Diplom und Abschluss. Es klang genau nach dem, was ich machen wollte. Ich brauchte Schliff, ich brauchte Ausbildung. Ich brauchte endlich jemanden, der mein Talent erkannte und förderte!
Man sollte vorsichtig sein mit dem, was man sich wĂŒnscht! Denn es könnte in ErfĂŒllung gehen. Ich bekam Schliff, Ausbildung und Förderung. Ich lernte Noten schreiben, Septimen und Sechsten heraushören und traf Mitmusiker, mit denen ich meine Songs in einem professionellen Studio aufnahm. Meine Mutter förderte mich aus der Tiefe ihres Herzens mit dem Besten, was sie geben konnte. Den ungeordneten Mitgliederhaufen meiner Band schlug sie ein in den sicheren Mantel einer GbR und meiner Musik bot sie den sicheren Hafen eines selbst gegrĂŒndeten Labels in GmbH-Form mit ihr und mir als GeschĂ€ftsfĂŒhrer. Mein Kopf routierte und brillierte. Ich schrieb schlaue Lieder, feine Texte, sinnige Zeilen und ironische Kniffe. Als die Band auseinanderging, entwickelte ich ein Live-Programm, bei dem ich mich mit Hilfe von Technik selbst auf der BĂŒhne aufnehmen, wieder abspielen und dann mit mir selbst musizieren konnte. Meine Stile und Rollen auf der BĂŒhne wechselten: HipHop, Reggae, Blues und Flamenco. Dazu Clownerie und Charme. Ich wĂŒrde dem Publikum schon beweisen, dass ich ein KĂŒnstler war, fĂŒr den es sich lohnte, etwas in den Hut zu werfen!

Und mein Herz? Was tat das eigentlich? Es grĂŒndete eine Familie! Still und leise durchkreuzte und untergrub es meine ausgedachten und routierenden MusikerplĂ€ne immer mehr. Ein Kind. Zwei Kinder. Drei Kinder. Ich vermisste sie, wenn ich am Wochenende weg war, um ein Konzert zu spielen. Viel lieber hĂ€tte ich ihnen abends vorgelesen, als meine eigene PA auf einem Geburtstag aufzubauen und die Leute zu bespaßen. Beim vierten Kind dann endlich kapitulierte ich vor meinem Herzen. Ich wollte kein Berufsmusiker mehr sein, sondern nur noch Geld als Sprecher verdienen und ansonsten fĂŒr die Familie da sein. Ich verkaufte meine gesamte Technik mit fast allen Instrumenten und bat meine Mutter, das Label aufzulösen. Eine schwere Bleikugel wurde von meinem Fuß genommen und ich spĂŒrte eine ungeheure Erleichterung.

Das alles ist nun sechseinhalb Jahre her. In dieser Zeit habe ich versucht, die unwichtigen, erlernten Dinge StĂŒck fĂŒr StĂŒck wieder zu vergessen und die wichtigen wieder zu erlernen. Um meine Herzensmusik zu finden. Die von damals, als ich in meinem Zimmer auf den Aufnahmeknopf des Kassettenrekorders drĂŒckte und einfach losspielte. Die letzten Tage hat es sich so angefĂŒhlt, als ginge da was. Als hĂ€tte ich einen Weg zurĂŒck gefunden. Ich bin wieder in meiner Welt. Die, die kein anderer sieht und fĂŒhlt. Nur ich. Aber ich zeig sie euch. Bald. November. Wir hören uns, versprochen!

13. August 2021

Kinder Kinder

Kinder großziehen ist wie ein Kinofilm, den man wĂ€rmstens empfohlen bekommen hat und dann sitzt man da und fragt sich, wieso man da eigentlich reingegangen ist. Der Prozess des Begleitens und zusammen Wohnens ist immer wieder geprĂ€gt von Erfolgen, RĂŒckschlĂ€gen, stetigem Dazulernen und LĂ€cheln, Einatmen, Ausatmen und wieder LĂ€cheln.
Neulich sollte unsere JĂŒngste, 6 Jahre alt, vor dem Mittag noch schnell die MĂŒslischĂŒssel vom FrĂŒhstĂŒck wegrĂ€umen. Das hatte sie vergessen. Es ging nicht! „Wieso muss ICH immer ALLES machen?“, stand auf ihrem Gesicht geschrieben und wie von einem exotischen Kleintier gebissen, fiel sie auf ihrem Stuhl in eine starre LĂ€hmung. Ich sag euch jetzt, was aus meiner Sicht das Allerschwerste am Kinder großziehen ist. Es sind genau diese Situationen, in denen ein vor Egozentrik und SelbstĂŒberschĂ€tzung brodelnder, kleiner Vulkan vor dem Ausbruch steht und man muss ganz ruhig bleiben und den Karren möglichst behutsam aus dem Dreck ziehen.
Nun saß die kleine Prinzessin also da wie eine Landmine kurz vor der BerĂŒhrung. Zum GlĂŒck hatte sie keine Ahnung, wen sie da vor sich hatte. Ich war Robert Moeck – 4facher Papa! Siegfriedgleich hatte ich zwar nicht in Drachenblut gebadet, aber BĂ€uerchenreste von der Schulter gewischt, so dass es fĂŒr 2 ganze BĂ€der gereicht hĂ€tte. Ich war ausgebildeter doppel-K-Agent! Das stand fĂŒr Kotze und Kacke, welche mich nicht mehr im Mindesten beeindrucken konnten, geschweige denn von meiner Mission abbringen. Dieses FrĂŒchtchen hier musste schon frĂŒher aufstehen, wenn es mich beeindrucken wollte. Ihre Schwester hatte schon auf’s Laminat gepinkelt und mir dabei provozierend in die Augen geschaut, da war unsere kleine Ballerina hier noch Quark im Schaufenster.
Jedoch egal wie viel Erfahrung man mitbringt, zunĂ€chst gilt es, am Anfang der Konfliktsituation 2 Stolperfallen auszuweichen, die einem ansonsten den klaren Kopf rauben: „Was erlaubt sich die kleine Rotzgöre da eigentlich? Keine Ahnung von nix, aber spielt sich auf, wie eine Hoheit!“ Stimmt! Aber sie ist noch klein und weiß ĂŒberhaupt nicht, was sie da tut. BÄHM! Geschmeidig wie ein Ninja hatte ich mich weggeduckt und das Ego haute sich nach kraftvollem Ausholen selbst in die Fresse. Geschieht ihm Recht. Es hat ja hier auch nichts zu suchen! Doch der 2. Gegner schlich sich bereits noch heimtĂŒckischer von hinten heran: „Ich zĂ€hle jetzt bis 3 und wenn du dann nicht
“ Moment mal! Das klang doch wie meine Mutter
 BÄHM! Auch hier erkannte ich dank meiner Quattro-Dad-Ausbildung blitzschnell den Wolf im Schafspelz. Ich liebte dieses kleine MĂ€dchen, dass da so bockig vor mir saß. Und deshalb wĂŒrde ich nicht unreflektiert den gleichen ErziehungsmĂŒll ĂŒber sie kippen, den meine VorgĂ€ngergenerationen bereits erfolglos an mir ausprobiert hatten.
Puh, das hÀtten wir! Immer wieder spannend, diese 2 ersten Hindernisse schadenfrei zu umschiffen. Und ich bin ehrlich: es gelingt mir auch nicht jeden Tag. Aber heute schon! Heute blÀhten sich meine Segel wieder kraftvoll nach diesen ersten Untiefen und es konnte weiter gehen.

Nun war schauspielerisches Talent gefragt. James Bond gleich mĂŒssen Eltern auch in der ausweglosesten Situation, gefesselt und geknebelt, mit 30 BĂ€renfallen und einem Aligator-Wassergraben um sich herum, dazu ein super tödlicher Hyper-Mega-Ultra-Atomstrahler auf sie gerichtet, cool bleiben. LĂ€ssig und ohne eine Mine zu verziehen, blicken sie dem Superschurken ins Gesicht, so dass dieser sich fragt, was um alles in der Welt er denn ĂŒbersehen hat? Welchen versteckten Ausweg hat er nicht bedacht?
Denn zeigen wir vorm bockenden Kind auch nur die kleinste Spur von Ärger oder Missfallen, breitet sich ein Grinsen aus auf seinem Gesicht und auf der inneren Schiffe-Versenken-Karte wird ein dickes Kreuz an dieser Stelle vermerkt: Aha, hier ist Papa also verwundbar! Diesen Triumph sollte man den kleinen Rackern unbedingt vorenthalten, ansonsten wirken alle folgenden, pĂ€dagogischen Schritte wie jene von Aschenputtels Schwestern im glĂ€sernen Schuh: holprig und unglaubwĂŒrdig!
Ich begann also in Ruhe, das Mittag zu essen und meiner freundlichen-Onkel-Stimme hörte man nicht im Mindesten an, dass ich eigentlich innerlich mit den Augen rollte. Warm, aber ohne große Emotionen fasste ich die Faktenlage zusammen: dass sie die SchĂŒssel benutzt hatte, dass alle im Haushalt mithelfen, dass ich das Mittag gekocht hatte und ihre Geschwister den Tisch gedeckt hatten. Und sobald sie die SchĂŒssel hinĂŒber zum Abwasch gerĂ€umt hĂ€tte, könne sie ebenfalls mit dem Mittag beginnen.
Es geschah nichts. UngerĂŒhrt verharrte der brodelnde Vulkan in seiner LĂ€hmstarre und die Spannung stieg, wie bei einer Lottoziehung mit bereits 5 Richtigen. Dann geschah doch etwas: die MĂŒslischĂŒssel wurde zur Seite geschubst und der Suppenteller an den Topf heran geschoben, um sich Eintopf aufzutun. Hier ist noch mal alle Beherrschung gefragt, denn frech und unerwartet bekommen wir den Duellierhandschuh ĂŒber’s Gesicht gezogen. Obwohl wir uns vorher soviel MĂŒhe gegeben haben, fair zu bleiben. Ruhig Blut! Mit sowas brauchen wir uns nicht duellieren. Das Prinzesschen hat bereits verloren und hat leider nur noch den Punkt „Verzweiflungstat“ in ihrem Repertoire ĂŒbrig. Deshalb schiebe ich auch nur ruhig den Suppenteller zurĂŒck und bemerke mit fast schon nĂŒchterner Wissenschaftlerstimme: „Nein, das geht leider nicht.“ Noch einmal kurzes Zusammenfassen der Fakten: Du hast die SchĂŒssel benutzt, alle helfen mit im Haushalt ect. und dabei entspanntes Weiteressen nicht vergessen. Damit haben wir unsere Aufgabe erfĂŒllt. Der Rest liegt nun beim Sprössling und seinem Willen, sich heute fĂŒr oder gegen Einsicht und Gemeinschaftssinn zu entscheiden. RUMMS! Die KĂŒchentĂŒr knallt zu. Ok, heute also dagegen. Na gut. „Man sieht sich immer zwei mal im Leben“, rufe ich in Gedanken dem Superschurken hinterher. Auf ein Neues beim Abendbrot
 😉

6. August 2021

Wundern

Ich stehe vor einer Sonnenblume und denke: Was fĂŒr ein Wunder! Wie konnte aus einem Kern, winziger als mein kleiner Zeh, so eine riesige und prĂ€chtige Pflanze wachsen? So schön, so vollkommen! Ja, natĂŒrlich habe ich in Biologie aufgepasst: Zellen, genetischer Bauplan. Alles lĂ€uft los, wenn der Kern in der Erde und die richtige Temperatur gegeben ist. Aber wie genau geschieht das? FĂŒhlt dieses kleine, trockene Ding da? Misst es die Temperatur? So wie ich, der ich den Fuß in den See halte und dann entscheide, ob ich heute baden gehe oder nicht? „Heute ist gut, heut wachse ich los.“ Und der Bauplan? Das klingt so einfach. So nach Legoteile zusammenstecken, die ich vom Haufen nehme und mich immer wieder auf dem Plan vergewissere, dass ich es richtig mache.
Aber ich bin aufgeschmissen, wenn mir Teile fehlen. Dann stehe ich da mit meinem unvollendeten Meisterwerk. IKEA-KĂ€ufer wissen genau, wovon ich rede
 (nobodys perfect – auch die Schweden nicht 😉 )
Aber auf kargem Boden oder bei wenig Platz fĂŒr die Wurzeln im Topf wĂ€chst die Blume trotzdem komplett heran, konnte ich beobachten. Sie ist dann nur kleiner. Wie passt sich der Bauplan so einfach an? Wer oder was analysiert den Boden und gibt dann Bescheid: „Jungs! Bor und Kalium sind bald alle. Jetzt nicht mehr StĂ€ngel bauen, sonst reicht’s nachher nicht mehr fĂŒr die BlĂŒte!“
Wusstet ihr, dass Sonnenblumen wĂ€hrend des Wachsens Ihren Kopf immer mit der Sonne mitdrehen? Von Osten nach Westen folgen sie am Tag ihrem Lauf. Und in der Nacht drehen sie den Kopf zurĂŒck nach Osten. Irgendwo an diesem wunderschönen Ding ist also auch noch ein Lichtsensor dran. VerrĂŒckt! Ich stehe vor der Sonnenblume und mir kommt in den Sinn, dass wir besonders schöne und angenehme Dinge WUNDERbar finden. Hingegen Wunder, also Dinge, die wir uns nicht erklĂ€ren können eher als SONDERbar gelten.
Ich verstehe nicht, wie die Sonnenblume all dies macht. Ich stehe nur davor und finde sie wunderbar! Sonderbar finde ich, dass nicht mehr Menschen vor ihr stehen und sie bewundern. Das ist sie nÀmlich: ein Wunder!

23. Juli 2021

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Trau ruhig deinem GefĂŒhl

Heute habe ich mal auf mein GefĂŒhl gehört und meine Gedanken nicht aufgeschrieben, sondern gerapt. 🙂

16. Juli 2021

Der JĂŒngling

Es war einmal eine Frau. Der hatten die Ärzte gesagt, dass sie keine Kinder mehr bekommen könne. Dann bekam sie aber doch eines und es war das wundervollste Geschenk fĂŒr sie auf Erden. Sie liebte dieses Kind ĂŒber alles. Es war wunderschön. Es war weich und zart. Und lachte so viel. Es war ganz anders als die harte Welt, die die Frau kennen gelernt hatte. Die Frau verstand, dass sie das Kind beschĂŒtzen musste vor dieser Welt.

Das Kind wuchs heran und die Frau beschĂŒtzte das Kind. Denn Liebe bedeutete Schutz, das verstand die Frau. Keiner hatte sie beschĂŒtzt als Kind. Diesen Fehler wĂŒrde sie nicht machen. Sie liebte ihr Kind ĂŒber alles, also wĂŒrde sie es beschĂŒtzen.

Das Kind wuchs heran zu einem schönen JĂŒngling. Schön war er. Gut hatte die Mutter ihn beschĂŒtzt. Manchmal kam er nun auf Ideen, die es der Frau schwer machten, ihn weiter zu beschĂŒtzen. Aber mit guten, ĂŒberzeugenden Worten hier und da oder einer aufopfernden Geste ihrerseits war das alles immer wieder in den Griff zu kriegen.

Ein junger Mann war nun der JĂŒngling. Er verliebte sich. Wie schwer es nun plötzlich war, ihn zu beschĂŒtzen. Die, in die er sich verliebte, verstand ĂŒberhaupt nichts von der harten Welt. Sie lĂ€chelte nur milde und ihre Augen leuchteten, wenn die Frau von ihrem harten Alltag in der harten Welt erzĂ€hlte. Der junge Mann, welcher frĂŒher gebannt und mit vor Schreck angehaltenem Atem der Frau gelauscht hatte, blickte nun immer hĂ€ufiger in die strahlenden Augen des MĂ€dchens. Verzweifelt sah die Frau dies und ein GefĂŒhl der Undankbarkeit stieg in ihr empor.

Der junge Mann verließ die Frau. Er lebte fortan mit dem MĂ€dchen und zusammen bekamen sie Kinder. Als der junge Mann die kleinen Kinder in seinen Armen hielt, stieg ein GefĂŒhl in ihm empor. Er hatte noch nie zuvor so etwas Schönes gesehen und gefĂŒhlt. Deshalb bildeten sich Sorgenfalten auf seiner Stirn und er dachte: Ich muss diese kleinen Wesen beschĂŒtzen. Das MĂ€dchen aber kĂŒsste den JĂŒngling sanft, strich seine Sorgenfalten glatt und sprach: Klein sehen sie aus und doch sind sie bereits grĂ¶ĂŸer als du. BeschĂŒtze sie, aber nur vor dir und deinen Ängsten. Halte sie, aber nur solange, bis sie loslaufen. Und dann
 feuere sie an auf ihrem Weg!

Der JĂŒngling lĂ€chelte. Und sein Herz machte einen kleinen FreudenhĂŒpfer. Wie weise dieses MĂ€dchen war. Und bewundernd blickte er ihr nach. Doch diese war bereits wieder im Garten verschwunden, wo sie einen Blumenstrauß fĂŒr das Abendbrot pflĂŒckte.

9. Juli 2021

Wie cool du bist!

„Wie cool du bist!“ Das muss ich dem Leben immer mal wieder sagen. So ĂŒberraschend. So witzig. Wie am letzten Dienstag, als ich die Kinder alle beim Fußball-Ferienlager in unserem Dörfchen abschmiss, um mich dann weiter nach Vimmerby zu begeben. Das ist die nĂ€chst grĂ¶ĂŸere Kleinstadt, in der man ganz gut einkaufen und Besorgungen machen kann. Außerdem sitzt da meine Steuerberaterin. Der brachte ich meine Buchhaltung vorbei, griff danach eine Packung Schrauben beim Baumarkt und kaufte anschließend den Großpack HĂŒhnerfutter beim Tierhandel. Nur ein Laden stand noch aus, welcher aber erst spĂ€ter als alle anderen öffnete. Ich hatte meinen Laptop mitgenommen, um die Zeit mit Schreiben zu ĂŒberbrĂŒcken. Nicht weit entfernt lag ein schöner Friedhof, dort wollte ich hin und mir ein stilles BĂ€nkchen suchen. Ich fand den perfekten Platz: ruhig am Rand eines GrĂ€berfeldes gelegen stand eine Bank von einem Baum beschattet. Hier hatte man einen schönen Blick ĂŒber die Anlage und doch seine Ruhe zum Vertiefen in die eigenen Gedanken. Ich schrieb an einem neuen Gedankentext, den ich eventuell an einem der nĂ€chsten Freitage veröffentlichen wollte. Aber ich kam irgendwie nicht ganz weiter, war nicht mehr so ĂŒberzeugt und inspiriert vom Geschriebenen des Vortags. Plötzlich kam mir eine neue Idee, ein ganz anderer Ansatz. Ich schloss den Text vom Vortag, öffnete eine neue Datei und schrieb wild drauf los. Bei einer Gedankenpause mit Blick in die Ferne bemerkte ich eine Frau, die zwischen Grabreihen suchend auf mich zukam. Ich schrieb zunĂ€chst weiter, doch bereits kurz darauf sprach sie mich an. Ob ich wisse, wo das Astrid Lindgren Grab liege? Ich blickte mich um. Ja natĂŒrlich, dĂ€mmerte es mir nun. Hier war ich doch schon mal! Diese Bank kam mir gleich so bekannt vor. Meine Frau und ich hatten ihr Grab auch schon mal besucht und zunĂ€chst jemanden vom Friedhofspersonal gefragt, wo es liegt. Es war hier ganz in der NĂ€he. Das sagte ich der Dame. Sie bedanke sich und suchte weiter. Mir ließ es keine Ruh und ich suchte nun ebenfalls meine Umgebung ab. Als ich es fand, rief ich die Frau zurĂŒck, welche sich aufrichtig bedankte und dann andachtsvoll vor dem Stein mit der berĂŒhmten Signatur stand. SpĂ€ter im Auto auf der RĂŒckfahrt schmunzelte ich so vor mich hin und es wurde mir erst richtig bewusst, was passiert war: Astrid Lindgren, die weltberĂŒhmte, schwedische Schriftstellerin mit BĂŒchern wie Pipi Langstrumpf, Michl Lönneberga oder Die Kinder aus BullerbĂŒh. Die Autorin des absoluten Lieblingsfilmes meiner Kindheit, Ronja RĂ€ubertochter. Ich hatte die ganze Zeit direkt vor ihrem Grab gesessen und geschrieben! Die Bank steht extra da zum Innehalten und wer will, kann sogar eine Nachricht an sie schreiben und in einen kleinen Briefkasten neben der Bank stecken. Ich hatte es ĂŒberhaupt nicht gemerkt! Dachte nur, die Bank sieht aber einladend und inspirierend aus. „Wie cool du bist Leben!“ Chapeau fĂŒr so eine Situation voller Komik und Schönheit zugleich! Danke, liebes Leben. Danke!

2. Juli 2021

Ein Kind wie dich

„Ich wĂŒnsch dir spĂ€ter auch mal so ein Kind wie dich!“. Das sagte meine Mutter frĂŒher gern mal, wenn sie mit mir nicht weiter kam. Ich war ein genauer Beobachter. Stellte ich Abweichungen fest zwischen dem Beobachteten und dem, was Menschen sagten, fragte ich nach. Ich konnte da sehr beharrlich sein und wenn mir Sachen nicht glasklar einleuchteten, war ich ausdauernd im Diskutieren. Gen Ende so einer Diskussion rollte meine Mutter dann gern mal mit den Augen und ließ den einleitenden Satz fallen: „Ich wĂŒnsch dir spĂ€ter auch mal so ein Kind wie dich!“ Damit wollte sie der Anstrengung Ausdruck verleihen, die sie dabei empfand, bei unseren Diskussionen ruhig zu bleiben. Gleichzeitig hoffte sie wohl auf eine Art ausgleichende Gerechtigkeit fĂŒr Ihre BemĂŒhungen und Leiden. Im Sinne von: Jedes einzelne Nachhaken, jede Minute deiner Beharrlichkeit, jeder Tropfen Energie, den du in deine kritischen Hinterfragungen und Diskussionen steckst, werden in einem schwarzen Buch der Verdammung gesammelt. Die fĂŒr mich bestimmten Seiten fĂŒllten und wölbten sich, sie blĂ€hten sich auf und wuchsen ins Unermessliche. Kein Satz wurde vergessen, keine Bemerkung ausgelassen. UnbekĂŒmmert dachte ich, ich bekomme die Welt erklĂ€rt, wenn ich beobachte und Fragen dazu stelle. Stattdessen peitschte ich meine Mutter schmerzhaft mit meinem Nachfragen, riss blutige Wunden in die empfindliche Haut ihres Seelenfriedens und merkte dabei nicht, wie sich mein Schuldkonto unablĂ€ssig fĂŒllte. Meine Strafe wĂŒrde furchtbar werden!
Und heute? Heut habe ich mich. Und zwar richtig gern! Ich habe viel Zeit mit meinem inneren Kind verbracht, es beobachtet, kennen gelernt, verstehen gelernt. Hab es getröstet, gehalten, beschĂŒtzt. Hab ihm immer wieder gesagt, dass es toll ist. Genau so, wie es ist. Und hab ihm leise beim Einschlafen ins Ohr geflĂŒstert, dass ich unheimlich glĂŒcklich bin, dass es bei mir ist. Dass ich bewundere, was es macht. Dass ich es liebe. Das tat gut. Es hat mir gefehlt. Es hat mich geheilt.
Da ist eine Kraft in uns. Eine WĂ€rme. Eine Liebe. FĂŒr uns selbst. Andere haben vielleicht nicht immer die Geduld fĂŒr uns, die wir brauchen, aber wir dĂŒrfen sie selbst fĂŒr uns haben. Andere können vielleicht nicht verstehen, warum wir etwas tun, wie wir’s tun und in welchem Tempo. Aber wir selbst verstehen es und dĂŒrfen das an uns lieben. Meine Mutter hat damals in unserem Zusammenleben das Beste gegeben, was sie geben konnte; hat mich mit all der Liebe geliebt, die sie zu dieser Zeit geben konnte. Es ist nicht ihre Schuld, dass ich pingelig bin, dass ich anspruchsvoller bin, dass ich mehr will und brauche, viel mehr. Und igendwann habe ich gemerkt, dass ich es nie bekommen werde, wenn ich es weiter von ihr einfordere. Dass ich nie Frieden finden werde, wenn ich damit weiter mache, meine Erwartungen an sie zu stellen. Also habe ich meine Erwartungen an mich gestellt. Ich habe aufgehört, den Stimmen in mir zu glauben, die sagten, ich sei zu sensibel, zu langsam, zu wenig funktionstĂŒchtig. „Nein!“ habe ich zu ihnen gesagt, „ihr habt mich einfach nicht richtig verstanden. Ihr habt mich einfach falsch bedient. So kann ich nicht richtig funktionieren. So gehe ich mit der Zeit kaputt“. Stoisch und widerborstig habe ich mir die Ohren zugehalten, wenn sie auf mich einredeten in jahrelang eintrainierten VerhaltensablĂ€ufen und Funktionsmustern. Tumb und mit einfĂ€lltiger NaivitĂ€t verlernte ich einfach wieder die einst als Nonplusultra angepriesenen Eigenschaften, wie RationalitĂ€t, Pragmatismus und Perfektionismus. „Nein danke“, sagte ich mit einem LĂ€cheln und entschuldigender Geste, „hab ich probiert, aber ist einfach nicht so mein Ding“. Und langsam lösten sich die Verspannungen und KrĂ€mpfe. Die Entstellungen aus jahrzehntelanger Anpassung schwollen ab und zum Vorschein kam ich. Wow, also das war ich eigentlich! So bin ich also, wenn ich einfach nur bin. So schön bin ich, so ruhig bin ich, so kreativ bin ich, so einzigartig bin ich. Ein heller Stern am Nachthimmel der Millionen schönen Sterne.
Wir leuchten von innen! Beim Versuch, Glanz von außen zu bekommen, wird unser Licht nur schwacher. Wir leuchten von innen. Das musste ich lernen. Erst dann konnte er beginnen, der innere Frieden.
Manchmal frage ich mich allerdings schon ein kleines Bisschen, ob das schwarze Buch der Verdammung nicht doch genau mitgezĂ€hlt hat. Statt einem, habe ich vier Kinder bekommen. Und die Peitschenhiebe auf meinen Seelenfrieden fĂŒhren hin und wieder auch bei mir zum Ende der Geduld
 nobodys perfect 😉

25. Juni 2021

You name it

Vor einigen Monaten wollte ich etwas mehr Leichtigkeit in mein Leben bringen. Ich hatte das GefĂŒhl, in meinem Job ĂŒber viele Dinge zu sehr zu grĂŒbeln und an mich selbst zu perfektionistische AnsprĂŒche zu stellen. Es ist gut, hohe AnsprĂŒche zu haben. Aber ich fĂŒhlte mich oft eingeengt und verkrampft in meinem Tun, gerade, wenn ich daran dachte, dass andere meine Musik und Texte hören wĂŒrden oder die fertige Sprachaufnahme vorm Kundenohr bestehen mĂŒsse. Ich machte deshalb Folgendes: Anstatt auf meinem Computer die Ordner „Sprecher“ und „Musik“ weiter zu fĂŒhren, legte ich einen neuen Hauptordner an. Dieser hieß „SPIELEN“.
In diesen Ordner kam von nun an alles hinein. Musikaufnahmen, Songtexte, Ideen zu meinen Freitagsgedanken und Skizzen fĂŒr Lieder. SprachauftrĂ€ge hießen fortan „Sprachspiele“ in einem Unterordner. Es hatte einen erstaunlichen Effekt. Immer wenn ich nun ein neues Projekt anlegte, sah ich das große Wort „SPIELEN“ vor mir. Es war wie eine sanfte Stimme, die sagte: „Ach ĂŒbrigens
 Nimm’s leicht! Probier dich aus! HAB SPAß!“ Und dann ging ein LĂ€cheln ĂŒber mein Gesicht. Seitdem geht es mir viel besser im Job. Ich darf mich ausprobieren, ich darf Fehler machen, ich darf mich entwickeln. Ich darf das Beste geben, was ich gerade zu geben habe. In meinem Tempo nach meinen Regeln. Es macht soviel Spaß, wenn der Erwartungsdruck weg ist. Ich bin gut in dem, was ich mache, wenn ich mich traue, das GrĂŒbeln abzustellen und stattdessen meiner Intuition zu folgen. Das musste ich mir selber beibringen. Durch eine andere Definition fĂŒr mein Tun. „You name it!“, wie es so schön heißt – „Du benennst es!“ Benenne es! Benenne es so, dass es dir gut tut. So, dass es sich gut anfĂŒhlt. So, dass dein Herz den richtigen Sinn erfasst und du das Beste in dir freilegen kannst. You name it!
So
 und jetzt werde ich kein FrĂŒhstĂŒck machen gehen fĂŒr hungrige KindermĂ€uler, sondern einen energiereichen Kickstart organisieren fĂŒr meine heranwachsende Zukunft 😉

18. Juni 2021

Da, wo's wehtut

Wenn ich manchmal morgens beim Yoga sitze, tun manche Übungen richtig weh. Viel mehr als andere. Ich muss richtig die ZĂ€hne zusammen beißen und mich da durchkĂ€mpfen. Aber ich merke gleichzeitig auch, dass es genau diese Übungen sind, die mir den meisten Nutzen fĂŒr meine persönliche Weiterentwicklung bringen. Immer, wenn es anfĂ€ngt, weh zu tun, heißt es cool bleiben, ruhig weiteratmen und auf das gespannt sein, was hinter dem Schmerz liegt. Es geht hier natĂŒrlich nicht um wilde Verrenkungen oder Selbstkasteiung. Es geht um’s Heilen und den Weg zu unserem eigentlichen Selbst. Denn auf dem Weg von unserer Geburt bis heute sind einige blöde UnfĂ€lle passiert. Viele davon in unserer Kindheit und Jugend und viele davon haben wir nicht einmal bemerkt. Wir leben einfach mit den seelischen Verletzungen und ihren Manifestationen in unserem Körper, ohne, dass es uns großartig bewusst wĂ€re. Ich selbst dachte ĂŒber 30 Jahre lang, dass ich RechtshĂ€nder wĂ€re, bis mir mein eigener Körper vor ein paar Jahren sagte, dass ich LinkshĂ€nder bin. Das geschah durch eine ganz intuitive Stimme. So wie man automatisch, wenn man einen Raum mit fremden Menschen betritt, weiß, wer einem sympathisch ist und wer nicht.
Aber dafĂŒr mĂŒssen wir offen und verfĂŒgbar sein fĂŒr diese Stimme. MĂŒssen uns aktiv FreirĂ€ume schaffen, in denen wir hören, was sie uns zu sagen hat. Und wahrscheinlich sagt sie uns erstmal Dinge, die uns wundern, die wir im ersten Moment nicht verstehen oder die einfach nur wehtun. Diese Stimme will uns zurĂŒck leiten. Zu dem, was wir eigentlich sind. Zu dem, was wir waren vor diesen ganzen UnfĂ€llen. Vor diesen ganzen Eltern, Lehrern, Freunden und weiteren Menschen, die uns leider nicht so nehmen konnten, wie wir eigentlich sind. Vor denen wir uns aus RĂŒcksicht, Angst oder Scham angepasst haben. Nun kommt die Zeit der RĂŒckverwandlung. Aber weil wir uns zuvor verbogen haben, mĂŒssen wir uns nun wieder zurĂŒck biegen. Noch einmal durch den Schmerz gehen. Diesmal aber bewusst und mit Aussicht auf ein selbstbestimmteres und glĂŒcklicheres Leben. Der Schmerz zeigt uns den Weg. Da, wo’s richtig wehtut, mĂŒssen wir am genauesten hinschauen. Genau da liegt meist fĂŒr uns die Chance zu persönlichem Wachstum und Weiterentwicklung.
Viel GĂŒte, Nachsicht und Geduld braucht es von uns fĂŒr uns in diesem Prozess. Andere haben zuvor in unserem Leben signalisiert, dass sie nicht klarkommen mit dem, wie und was wir eigentlich sind. Dann mĂŒssen wir das jetzt tun! Und oft lernen wir uns in dieser Phase erstmal richtig kennen. Es ist ein kraftaufwendiger, teils sehr schmerzhafter aber auch spannender Weg. Ich kann jeden nur ermuntern, mehr Zeit mit sich zu verbringen und in sich hinein zu horchen. Du lebst in der Stadt, aber trĂ€umst eigentlich immer von einem Leben auf dem Land? Geh auf’s Land! Mach kleine Schritte. Minischritte, wenn es deine LebensumstĂ€nde gerade nicht anders zulassen. Aber geh sie! Geh sie in die Richtung, in die du eigentlich willst. Dein Job ist ganz ok und zahlt deine Rechnungen, aber eigentlich brennt dein Feuer fĂŒr etwas ganz anderes? Geh hin zum Feuer! Lass dich von ihm wĂ€rmen. Such immer wieder den Weg zu ihm. So oft es dir möglich ist. Mit der Zeit werden die Feuerphasen lĂ€nger werden und mit Mut und Geduld wirst du eines Tages ganz in Flammen stehen. Wer weiß, vielleicht entflammst du dann sogar andere.
Da wo’s wehtut. Die Übung, die wir so ungern machen. Da, wo wir nicht gern hinwandern mit den Gedanken. Weil mir zugemacht haben. Weil wir’s unsinnig finden. Weil’s unrealistisch ist. Und ĂŒberhaupt ist doch alles in Ordnung
 Da bitte hinschauen! Da könnte ein StĂŒck von uns selber liegen, welches darauf wartet, freigelegt und ausgelebt zu werden. Viel Kraft, Mut, aber auch Freude dabei wĂŒnsche ich euch!

11. Juni 2021

Die Kraft des positiven Denkens

Wenn mich jemand fragen wĂŒrde, wann in meinem Leben ich die Kraft des Optimismus und positiven Denkens am stĂ€rksten gespĂŒrt habe, kommt mir sofort ein Name in den Sinn: Benno Jacob.
Ich habe das große GlĂŒck, den Menschen, der sich hinter diesem Namen verbirgt, als den wohl engsten Freund und Wegbegleiter in den zurĂŒckliegenden 15 Jahren meines Lebens bezeichnen zu dĂŒrfen. Das Schicksal fĂŒhrte uns zu einem Zeitpunkt zusammen, als noch völlig unklar war, dass wir beide einmal kĂŒnstlerische Wege einschlagen wĂŒrden: er als Artist, Jongleur und Comedian und ich als Songschreiber, Musiker und Sprecher.
An einem Montagmorgen im Jahre 2006 verpasste ich morgens meinen Zug nach Barth, wo ich auf einem abgelegenen FerienlagergelĂ€nde mit circa 100 anderen Zivildienstleistenden eine Woche lang ĂŒber die Sinnhaftigkeit des Dienstes an der Gesellschaft unterrichtet werden sollte. Das Bahnpersonal nach einer Zugvariante fragend, wurde ich nach Berlin Lichtenberg umgeleitet, von wo aus in 30 min. der nĂ€chste Zug nach Barth abfahren sollte. Im Zug sitzend wurde ich eines langhaarigen, schlacksigen Jungens Gewahr, welcher den Schaffner in letzter Sekunde vor der Abfahrt schnaufend um eine Fahrkarte nach Barth fragte. Wir kamen danach sofort ins GesprĂ€ch und die Zeit im Zug verging wie im Fluge. In Barth wurden wir Zimmergenossen und hatten eine fantastische Zeit. Auch heute noch sind unsere Telefonate selten kĂŒrzer als 3 Stunden; unser persönlicher Rekord liegt glaube ich bei 6 Stunden Telefonieren. Soviel zur Einleitung.

2012 traf Benno eine schwere Entscheidung. Trotz eines sehr erfolgreichen Artistikprogramms als Diabolo-Duo mit unter anderem Angeboten vom Cirque du Soleil, trennte er sich von seinem damaligen Duopartner aus fĂŒr ihn nicht mehr tragbaren, persönlichen GrĂŒnden. Ein mutiger Entschluss, denn ein Artist ohne Programm und Auftritte, ist ein Artist ohne Einkommen.
Benno hatte eine Vision: zusammen mit einem neuen Partner wollte er ein neues, besseres Programm entwickeln. Es sollte spektakulĂ€rere Tricks enthalten, mehr SynchronitĂ€t mit dem Partner und vor allem sollte es eine eigens fĂŒr das Programm geschriebene Musik geben; abgestimmt auf die Bewegungen der Artisten. Zeitvorgabe: ein halbes Jahr! Vom rohen Entwurf auf dem Blatt, bis zur fertig choreographierten Show. Ein ehrgeiziges Vorhaben.
Da ich Musiker bin und diesen Text schreibe, wisst ihr natĂŒrlich bereits, dass er mich fĂŒr die Musik anheuerte. SelbstverstĂ€ndlich, möchte man meinen. Aber so selbstverstĂ€ndlich war das eigentlich gar nicht. Sehr viel mehr als pures Vertrauen in mich hatte Benno nĂ€mlich gar nicht in der Waagschale. Weder hatte ich irgendwelche Referenzen in dieser Richtung, noch kannte ich mich aus mit Beatprogrammierung und digitalen Instrumenten auf dem Computer, noch hatte ich vorher irgend eine andere Art von Musik gemacht außer Singer-Songwriter-Liedern. Uns beiden war vorher auch klar, dass unsere Freundschaft durch diese Zusammenarbeit eventuell Schaden nehmen könnte, sollte es ein Misserfolg werden. FĂŒr Benno ging es um viel. Er wĂ€re die nĂ€chsten Monate ohne jegliche Einnahmen, investierte aber locker einen 5-stelligen Betrag in sein neues Programm. Und er musste zu dem unter allen UmstĂ€nden zum Tag X in einem halben Jahr fertig sein. Er war nĂ€mlich bereits vorgesehener Teil einer Show, bei der viele Agenten und Booker im Publikum sitzen wĂŒrden, um Acts fĂŒr die nĂ€chsten VarietĂ©s und Artistikshows auszuwĂ€hlen.

Ein Duopartner war gefunden und wir legten im Dezember 2012 los. Die besondere Herausforderung war, alles gleichzeitig an den Start zu bringen: neue Diabolotricks verbunden mit einer showtauglichen Choreographie und dazu die Musik. Alles im sich immer wieder entwickelnden und verĂ€ndernden Prozess. Der Part lĂ€nger, nein doch kĂŒrzer. Dieser Trick an dieser Stelle, nein doch an jener. Hier langsamer, nein doch schneller. DafĂŒr hier dann langsamer und da dann wieder volles Rohr! Es war schwer, eine musikalische Grundidee zu finden. Ein Thema, an dem sich alles orientieren konnte. Es gab noch kein Tempo, keinen Rhythmus. Ich stellte den beiden Jungs immer wieder neue Ideen vor, aber entweder war es zu heiter oder zu dĂŒster oder zu leicht oder zu schwer oder zu sehr dies oder zu sehr das. Die Zeit rannte und rannte. Benno und sein Partner schickten mir stets aktuelle Videos von ihren TrainingsdurchlĂ€ufen. Ab einem gewissen Punkt hatten wir uns auf ein Tempo geeinigt, zu dem sie sich bewegten. So konnte ich zu Hause am Rechner dann auf die Videos komponieren. Und dann endlich 2 Monate vor der Premiere die zĂŒndende Idee. Ich hatte einen Beat entworfen, der die perfekte Grundlage fĂŒr alles bot. Benno war unglaublich froh und wusste, nun wird alles gut. Ich war auch froh. Endlich eine Orientierung, ein GerĂŒst, an dem wir uns halten konnten. Alle Ampeln auf GrĂŒn! Volle Fahrt voraus!
Und dann passierte das Unfassbare: im Glauben, ein aktuelles Backup von meinem Rechner auf meine externe Festplatte zu ziehen, machte ich es aus unerfindlichem Grund genau andersherum. Ich ĂŒberschrieb die aktuellste Version der Musik auf meinem Rechner und löschte damit den neuen Beat unwiederbringlich. Obwohl ein heißer Schwall durch meinen ganzen Körper ging, wurde mir plötzlich ganz kalt und ich zitterte leicht. Hatte ich das wirklich getan? Ich musste mich verguckt haben. Nein, ich hatte mich nicht verguckt. Die Arbeit der letzten Tage
 alles weg!
Es war etwa 10 Uhr morgens. Ich rief sofort Benno an, um ihm das UnglĂŒck beizubringen. Als er abnahm hörte ich, dass er von meinem Klingeln geweckt wurde. Panisch berichtete ich, was geschehen war. Und nun meine Lieben beginnt die Magie: Benno blieb ganz ruhig. Und obwohl er bereits seit mehreren Wochen jeden Tag teilweise bis zu 12 Stunden lang trainierte, sich den Kopf zermarterte, welche Tricks wie und wo gespielt werden sollten, herumexperimentierte mit unterschiedlichsten Diabolos, Stöcken und SchnĂŒren. Und obwohl wir nur noch 2 Monate Zeit hatten fĂŒr ein 6 Minuten langes MusikstĂŒck, von dem noch nichts existierte. Und das kleine StĂŒckchen, welches bis vor wenigen Minuten noch existiert und allen Hoffnung gemacht hatte, war nun aufgrund meiner Schusseligkeit ausradiert worden. Obwohl all dies auf seinen Schultern lag und der Auftritt in 2 Monaten ein peinliches Desaster werden könnte, sagte er: „Ganz ruhig, wir schaffen das! Wir finden eine Lösung. Ich weiß, wir schaffen das!“
Und wisst ihr was dann geschah? All die Angst, all die Verkrampfung in meinem Körper löste sich. Alles stand auf Null. Ein weißes Blatt vor mir. Neuanfang. Die pure Inspiration. Ja, wir schaffen das! Energie schoss in mich hinein. Ja, wir schaffen das! Ich schnappte mir sofort die Gitarre und setzte mich an den mittleren Teil des Programms, fĂŒr den ich bisher noch keine einzige Idee hatte. Die Jungs wurden darin vom Tempo her um die HĂ€lfte langsamer und bewegten sich ganz synchron. Es war an diesem Tage, an dem zuvor noch alles verloren schien, dass mir die entscheidende Inspiration fĂŒr diesen Part kam. Mit E-Gitarre, Syntheziser und BlechblĂ€sern. Die Instrumentierung war gefunden und nun leitete sich plötzlich wie von Zauberhand der ganze Rest der Musik auch fĂŒr die anderen Parts ab. Es wurde ein voller Erfolg. Es war noch eine Schinderei bis zur letzten Sekunde. Mit durchkomponierten NĂ€chten und Proben bis zum Vortag des Auftritts. Aber die Premiere war fantastisch und Benno und sein Partner wurden sofort fĂŒr Shows angefragt.

Benno ist ein Mensch mit unglaublichem Willen und Disziplin. Er setzt sich Ziele und packt dann an. Aber bei unserer Zusammenarbeit war das Besondere, dass er auch im richtigen Moment loslassen konnte. Und damit hat er das Beste in mir freigesetzt und beflĂŒgelt. Es war eine spannende und verrĂŒckte Zeit damals. Und es war unsere Zeit. Unsere Freundschaft hat keinen Schaden genommen. Im Gegenteil, sie ist stĂ€rker denn je geworden. Weil Benno an mich geglaubt hat. Im richtigen Moment. Danke Benno! Es war toll, das mit dir erleben zu dĂŒrfen 🙂

Wer das Programm mit Musik gern mal sehen möchte, findet hier ein Video von 2015 auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=TwffIdd3v2M

4. Juni 2021

Alles nur Kopfsache

Einige Jahre ist es schon her, da bekam ich den Auftrag, einen Song zu produzieren fĂŒr ein Altersvorsorge-Institut. Handwerker sollten in einem animierten Musikvideo auf humorvolle Art und Weise auf die Absicherung ihrer GrundfĂ€higkeiten hingewiesen werden. Mein Auftraggeber, eine Agentur, stellte sich leider bald als wenig stringent in ihrem Festhalten an Ideen und Meinungen heraus. UrsprĂŒnglich war ich fĂŒr ein Lied nach Singer-Songwriter-Art gebucht worden. Nach einigen Demos hieß es dann aber plötzlich, es solle „rockig und cool“ werden. Ich rollte innerlich mit den Augen, ließ mich aber noch zu einer letzten Demo ĂŒberreden, bevor es in neue Budgetverhandlungen gehen sollte wegen der KursĂ€nderung.
Ich schnappte mir also meine E-Gitarre, stellte beim VerstĂ€rker den verzerrten Kanal ein, grub alle „MĂ€nnlichkeits- und Bauarbeiterklischees“ aus, um sie in einem witzigen Text zu verwursteln und fand auf meinem Computer einige Baustellen-Sounds, aus denen ich einen Beat bastelte. Heraus kam eine Demo, bei der ich sofort spĂŒrte, dass alles passte. Ich war gespannt, was die Agentur sagen wĂŒrde. Volltreffer! Alle waren begeistert. Der Chef meinte, das ganze BĂŒro feiere den Song. Erleichterung auf meiner Seite. 2 Tage spĂ€ter dann die ersten Zweifel von der Agentur: Ja, vielleicht sollte man doch noch etwas Ă€ndern am Gesang. Vielleicht etwas höher singen. Eine Terz vielleicht. Oder eine Quinte. Ich fĂŒhlte mich wie Einstein, den jemand fragte, ob man an seiner Formel zur RelativitĂ€tstheorie E = mcÂČ nicht einfach mal hinten noch ein „+2“ ranhĂ€ngen oder das „m“ durch ein „n“ ersetzen könne. Was tun, wenn man weiß, dass alles passt, aber die Agentur, die einem das Geld zahlt zu unsicher und unerfahren ist? Ich blieb entspannt und gab nach. Ich bot an, noch einmal 5 unterschiedliche Gesangsvarianten zu senden. Von denen sollten sie sich dann eine finale aussuchen. Mehr könne und wolle ich zum vereinbarten Budget nicht leisten. Damit waren sie einverstanden. Gesagt getan. Ich sang noch einmal verschiedene Variationen ein, sendete alles der Agentur, diese wĂ€hlte ihren Favoriten aus und alle waren zufrieden. Alle? Auch ich? Ja! Denn ich hatte unter die 5 Varianten auch einfach noch mal die 1. Demo gemischt. Nur mit anderem Namen. Und ratet, fĂŒr welche der 5 „neuen“ Varianten sie sich entschieden haben? Genau! Seit diesem Tag weiß ich: Ist alles nur Kopfsache 🙂

PS: Wer das Video mit dem Song gern mal hören möchte, findet es hier auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=zFFVzu8kxic

28. Mai 2021

Auf und Ab

In meiner TĂ€tigkeit als Sprecher kommt es immer wieder vor, dass es Tage, manchmal sogar Wochen ohne AuftrĂ€ge gibt. Keiner scheint in dieser Zeit ein ErklĂ€rvideo, einen Werbespot, einen Audioguide oder eine Telefonansage gesprochen zu brauchen. FrĂŒher haben mich diese Phasen ganz verrĂŒckt gemacht. „Keiner braucht mich, keiner will mich, ich kann nichts, ich werde nicht genug Geld verdienen“, waren Gedanken, die dann in meinem Kopf kreisten. Wenn es dann wieder losging mit Jobs, waren sie so schnell verschwunden, wie sie gekommen waren. „Puh, alles gar nicht so schlimm
“
Genau! dachte ich irgendwann. Warum machst du dir eigentlich so einen Stress? Bisher hast du alle Rechnungen immer bezahlen können. Über das Jahr verteilt kam genug rein, aber es geschah immer in Wellen.
Ich schaute mir das Wellen- oder Intervallprinzip genauer an und fand es eigentlich ĂŒberall in der Natur wieder: die Jahreszeiten, die eine Ruhephase fĂŒr Pflanzen und Tiere hatten, damit diese dann neu austreiben und sich neu vermehren konnten. Die Wellen am Strand, die sich zurĂŒckzogen, um sodann mit neuer Kraft ans Ufer zu schlagen. Ich selbst holte wĂ€hrend meiner TĂ€tigkeit in der Sprecherkabine regelmĂ€ĂŸig Luft zwischen den SĂ€tzen. Und schlussendlich ist auch jeder Klang, den ich mit Stimme, Gitarre oder Klavier erzeuge, eine Welle, die sich ihren Weg in einem stetigen Auf und Ab zum Ohr des Höhrers bahnt. Mir wurde plötzlich bewusst, wie wichtig diese Ruhephasen zum neuen Schwung holen waren. Ich unterlag einfach nur einer falschen Modellvorstellung. Ich sah meine TĂ€tigkeit wie einen steilen Sprint zum Berg oder eine rastlose Fahrt auf der Autobahn. Nun ist mir bewusst, dass es Ruhephasen zum Kraft tanken und neu ausholen bedarf und ich nehme sie dankbar und gelassen hin. Ich tauche mittlerweile sogar richtig in sie hinein, denn ich weiß nun: Je mehr ich nach unten pendele und schwinge, desto grĂ¶ĂŸer wird auch die Amplitude am anderen Ende sein.
Lasst uns also unsere Surfbretter schnappen und auf den Wellen des Lebens reiten. Rein ins Tal, Schwung holen und dann losgleiten, wenn die Welle uns wieder trĂ€gt 🙂

21. Mai 2021

Richtige MĂ€nner

„Richtige MĂ€nner heizen mit Holz – findet Lennart“ steht auf dem Zeitungsausschnitt. Dieser Spruch hatte gleich etwas in mir ausgelöst. Ich finde es faszinierend und verwunderlich, welche Eigenschaften und Eigenarten einem RICHTIGEN Mann so allgemein zugesprochen werden: Richtige MĂ€nner pinkeln nur im Stehen (natĂŒrlich, ohne sich hinterher die HĂ€nde zu waschen), richtige MĂ€nner sind Macher und bringen alles selbst per Hand in Ordnung (mit freiem Oberkörper, damit man die Muskeln sieht), echte MĂ€nner sind trinkfest, lösen ihre Konflikte mit den FĂ€usten und können mit Kindern und Hausarbeit nichts anfangen. ECHTE MĂ€nner sind auch leicht an ihren Interessenfeldern zu erkennen: Fußball, Frauen (zumindest ihr Äußeres) und Autos.
Ich denke, mit obiger Beschreibung können wir alle ganz froh sein, dass es in den letzten tausend Jahren auch einige unechte MĂ€nner und vor Allem viele RICHTIGE Frauen gab, die die Gesellschaft am Laufen gehalten und weiterentwickelt haben. WĂ€hrend der ECHTE Mann sich in seinen Kriegen ausgetobt hat, haben die anderen die Familie versorgt und hinterher wieder aufgerĂ€umt. WĂ€hrend der ECHTE Mann seine Zeit in Fitnessstudios, Kneipen und WettbĂŒros verbracht hat, haben die anderen fließend Wasser, Strom und Buchdruck erfunden. WĂ€hrend der ECHTE Mann seine Familie verlassen, verdroschen oder verspielt hat, haben die anderen geholfen, geheilt und geliebt.
Lasst uns die Wahrheit aussprechen: Es gibt keine RICHTIGEN MĂ€nner! Und es gab sie auch noch nie. Ähnlich wie GUTER Soldat, BRAVES Kind, VORBILDLICHER SchĂŒler, FLEISSIGE Hausfrau und GUTE Mutter sind diese Begriffe und Definitionen wie kleine KĂ€fige, die ĂŒber uns gestĂŒlpt werden. Darin dĂŒrfen wir uns dann bewegen, damit es andere leichter mit uns haben. Auf hinterhĂ€ltigste Weise werden wir hinein gelockt in diese KĂ€fige mit Aussagen wie: „Du willst doch ein BRAVES Kind sein, oder? Dann musst du dieses oder jenes tun!“ oder „Du willst eine GUTE Hausfrau und Mutter sein? Dann musst du dich so oder so verhalten!“. Der KĂ€fig wirkt am Ende noch wie eine Belohnung fĂŒr erwĂŒnschtes Verhalten.
Aber so sind wir nicht. Wir sind keine RICHTIGEN MĂ€nner, keine BRAVEN Kinder und keine FLEISSIGEN Hausfrauen. Wir sind alle verschieden. Mit dem Recht auf IndividualitĂ€t und freie Entdeckung und Entfaltung unseres Selbst. Das ist die Wahrheit. Und wer mir und euch was anderes erzĂ€hlen möchte, versucht vielleicht einfach nur gerade in Zeiten von nachhaltigen und sauberen Energien, seinen alten Holzbrennkessel an uns zu verkaufen 🙂

14. Mai 2021

Regeln

Regeln werden oft kritisiert, dabei wurden sie ins Leben gerufen, um irgend einen Umstand im Zusammenleben zwischen Menschen zu ordnen, zu „regeln“. Dadurch gibt es fĂŒr diesen Umstand Klarheit und es fĂ€llt allen Beteiligten leichter, beim Auftreten dieses Umstandes zu reagieren. Man braucht sich nur an die Regel zu halten.

Bei uns zu Hause gibt es beispielsweise die Regel, dass die TĂŒren von der KĂŒche zum Wohnzimmer und zum Flur immer zu sein sollen. Da der Kater von draussen kommend ansonsten gern durch diese TĂŒren geht und es sich auf Sofas oder Betten gemĂŒtlich macht. Im letzten Jahr wurden wir dann von Katzenflöhen befallen und es war etwas aufwĂ€ndig und mĂŒhsam, die Zimmer aller 6 Mitglieder unserer Familie zu entflohen. Seitdem gibt es diese Regel und ich finde sie nach dem Erlebten sehr sinnvoll und erleichternd fĂŒr unser Zusammenleben.
Nun sind mir bei mir aber UnregelmĂ€ĂŸigkeiten in der Reaktion auf RegelverstĂ¶ĂŸe aufgefallen und zwar immer in AbhĂ€ngigkeit zu meiner Tagesform. Ließen die Kinder die TĂŒr an Tagen offen stehen, an denen es mir gut ging, habe ich sie manchmal einfach selbst zu gemacht oder habe verstĂ€ndnisvoll und geduldig auf unsere Regel hingewiesen. An Tagen, an denen ich gestresst oder mĂŒde war, wies ich auch gern mal lautstark hinterherbrĂŒllend auf die ErfĂŒllung der Regel hin. Ich fĂŒhlte in diesem Moment auch wenig BekĂŒmmerung um einen neuen Flohangriff, wenn ich ehrlich bin, sondern die Regelverletzung bot mir in diesem Moment viel mehr einen willkommenen Anlass, um dem ganzen BĂŒndel, dass mich belastete, Luft zu machen. Aber der Ärger, der in diesem Moment auf meine Kinder flog, hĂ€tte eigentlich mir selber gelten sollen. Weil ich nicht genug Acht gegeben hatte auf mich. Weil ich wider besseren Wissens zu spĂ€t ins Bett gegangen war um noch irgend etwas zu erledigen, was mir in diesem Moment besonders wichtig erschien. Oder weil ich irgendein Problem, was am Tage aufgetreten war, hastig und halbherzig vor mir herschob, anstatt mir Zeit fĂŒr eine genaue Betrachtung zu nehmen und daraus dann eine Strategie zur BewĂ€ltigung zu erarbeiten.
Regeln gehören meiner Erfahrung nach nicht zum Kern des Problems. Es ist die eigene Verfassung, die den Blick auf eine Regel beeinflusst. Pedanterie und ĂŒbertriebene Heftigkeit beim Auslegen und Durchsetzen der Regeln zeugen oft von Disbalancen im Inneren. Das gilt fĂŒr einzelne Menschen, wie fĂŒr Gruppen oder gar ganze LĂ€nder. Das Chaos und die Unruhe im Inneren suchen verzweifelt nach RĂŒckgewinnung der Kontrolle. Da kommt eine aufgestellte Regel gerade recht. Hier darf sich abgearbeitet werden und mit dem GefĂŒhl, das Richtige zu tun, wird das Gewissen beruhigt. Doch das Unrecht, das wir anderen Menschen dabei oft antun, wenn wir sie die Auswirkungen unseres inneren Ungleichgewichts spĂŒren lassen, sind ein hoher Preis fĂŒr die fehlende Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst. Wenn wir es wirklich ernst meinen mit einer friedlicheren und gewaltfreieren Welt fĂŒr alle, dann beginnt der Weg in uns selbst. Zeit fĂŒr uns. Uns selbst lernen, zu verstehen. Lernen, zu verstehen, was wir brauchen, was uns gut tut, was uns glĂŒcklich und zufrieden macht. Damit wir GlĂŒck und Zufriedenheit weiter geben können. Ab morgen eine neue Regel: KĂŒmmer dich mehr um dich 🙂

7. Mai 2021

Sprachbarriere

Als wir in Schweden ankamen, konnte ich nur sehr wenig schwedisch sprechen. Wie ich heiße, wo ich herkomme und “dass die nĂ€chste Werstatt 2 Kilometer entfernt liegt” (ein Satz aus dem Lehrbuch, den ich mir komischerweise gleich eingeprĂ€gt hatte). Durch das fehlende Vokabular war ich oft gezwungen, einfach nur zuzuhören. Mir fielen viele Kommentare oder Meinungen zu Dingen ein, aber ich wusste nicht, wie man sie sagt. Ich hörte mehr zu und mein Fokus wanderte automatisch mehr auf den Menschen, der mir etwas erzĂ€hlte. Dadurch, dass ich ihn nicht unterbrach mit meinen Kommentaren oder Gedankenblitzen, konnte ich mehr und besser seine ganze Geschichte und sein ganzes Wesen erfassen. Als Mensch, der stĂ€ndig zu irgend etwas irgend welche Gedanken hat, erschien es mir frĂŒher normal, diese auch stets mitzuteilen.
Aber nun gab es plötzlich eine Bremse, einen harten Filter, der mich validieren ließ, welche Gedanken wirklich so immens wichtig waren, dass es die MĂŒhe wert war, nach Worten, Gesten und ErklĂ€rungen fĂŒr ihre Artikulation zu suchen. Ich wurde viel ruhiger in Konversationen. Und es fĂ€rbte auf meine GesprĂ€che in deutscher Sprache ab. Auch hier begann ich nun selbst zu filtern und einfach mehr zuzuhören. Mit echtem Interesse am Inhalt des Anderen und nicht auf der Jagd nach Anerkennung fĂŒr einen Wortwitz oder einen originellen Gedanken zum Thema.
So hat sich ein zunĂ€chst scheinbarer Nachteil zu einem wunderbaren Vorteil und einer Bereicherung in meinem Leben entwickelt. Und ich bin dankbar, dass ich diese Entwicklung machen durfte 🙂