11. Juni 2021

Die Kraft des positiven Denkens

Wenn mich jemand fragen würde, wann in meinem Leben ich die Kraft des Optimismus und positiven Denkens am stärksten gespürt habe, kommt mir sofort ein Name in den Sinn: Benno Jacob.
Ich habe das große Glück, den Menschen, der sich hinter diesem Namen verbirgt, als den wohl engsten Freund und Wegbegleiter in den zurückliegenden 15 Jahren meines Lebens bezeichnen zu dürfen. Das Schicksal führte uns zu einem Zeitpunkt zusammen, als noch völlig unklar war, dass wir beide einmal künstlerische Wege einschlagen würden: er als Artist, Jongleur und Comedian und ich als Songschreiber, Musiker und Sprecher.
An einem Montagmorgen im Jahre 2006 verpasste ich morgens meinen Zug nach Barth, wo ich auf einem abgelegenen Ferienlagergelände mit circa 100 anderen Zivildienstleistenden eine Woche lang über die Sinnhaftigkeit des Dienstes an der Gesellschaft unterrichtet werden sollte. Das Bahnpersonal nach einer Zugvariante fragend, wurde ich nach Berlin Lichtenberg umgeleitet, von wo aus in 30 min. der nächste Zug nach Barth abfahren sollte. Im Zug sitzend wurde ich eines langhaarigen, schlacksigen Jungens Gewahr, welcher den Schaffner in letzter Sekunde vor der Abfahrt schnaufend um eine Fahrkarte nach Barth fragte. Wir kamen danach sofort ins Gespräch und die Zeit im Zug verging wie im Fluge. In Barth wurden wir Zimmergenossen und hatten eine fantastische Zeit. Auch heute noch sind unsere Telefonate selten kürzer als 3 Stunden; unser persönlicher Rekord liegt glaube ich bei 6 Stunden Telefonieren. Soviel zur Einleitung.

2012 traf Benno eine schwere Entscheidung. Trotz eines sehr erfolgreichen Artistikprogramms als Diabolo-Duo mit unter anderem Angeboten vom Cirque du Soleil, trennte er sich von seinem damaligen Duopartner aus für ihn nicht mehr tragbaren, persönlichen Gründen. Ein mutiger Entschluss, denn ein Artist ohne Programm und Auftritte, ist ein Artist ohne Einkommen.
Benno hatte eine Vision: zusammen mit einem neuen Partner wollte er ein neues, besseres Programm entwickeln. Es sollte spektakulärere Tricks enthalten, mehr Synchronität mit dem Partner und vor allem sollte es eine eigens für das Programm geschriebene Musik geben; abgestimmt auf die Bewegungen der Artisten. Zeitvorgabe: ein halbes Jahr! Vom rohen Entwurf auf dem Blatt, bis zur fertig choreographierten Show. Ein ehrgeiziges Vorhaben.
Da ich Musiker bin und diesen Text schreibe, wisst ihr natürlich bereits, dass er mich für die Musik anheuerte. Selbstverständlich, möchte man meinen. Aber so selbstverständlich war das eigentlich gar nicht. Sehr viel mehr als pures Vertrauen in mich hatte Benno nämlich gar nicht in der Waagschale. Weder hatte ich irgendwelche Referenzen in dieser Richtung, noch kannte ich mich aus mit Beatprogrammierung und digitalen Instrumenten auf dem Computer, noch hatte ich vorher irgend eine andere Art von Musik gemacht außer Singer-Songwriter-Liedern. Uns beiden war vorher auch klar, dass unsere Freundschaft durch diese Zusammenarbeit eventuell Schaden nehmen könnte, sollte es ein Misserfolg werden. Für Benno ging es um viel. Er wäre die nächsten Monate ohne jegliche Einnahmen, investierte aber locker einen 5-stelligen Betrag in sein neues Programm. Und er musste zu dem unter allen Umständen zum Tag X in einem halben Jahr fertig sein. Er war nämlich bereits vorgesehener Teil einer Show, bei der viele Agenten und Booker im Publikum sitzen würden, um Acts für die nächsten Varietés und Artistikshows auszuwählen.

Ein Duopartner war gefunden und wir legten im Dezember 2012 los. Die besondere Herausforderung war, alles gleichzeitig an den Start zu bringen: neue Diabolotricks verbunden mit einer showtauglichen Choreographie und dazu die Musik. Alles im sich immer wieder entwickelnden und verändernden Prozess. Der Part länger, nein doch kürzer. Dieser Trick an dieser Stelle, nein doch an jener. Hier langsamer, nein doch schneller. Dafür hier dann langsamer und da dann wieder volles Rohr! Es war schwer, eine musikalische Grundidee zu finden. Ein Thema, an dem sich alles orientieren konnte. Es gab noch kein Tempo, keinen Rhythmus. Ich stellte den beiden Jungs immer wieder neue Ideen vor, aber entweder war es zu heiter oder zu düster oder zu leicht oder zu schwer oder zu sehr dies oder zu sehr das. Die Zeit rannte und rannte. Benno und sein Partner schickten mir stets aktuelle Videos von ihren Trainingsdurchläufen. Ab einem gewissen Punkt hatten wir uns auf ein Tempo geeinigt, zu dem sie sich bewegten. So konnte ich zu Hause am Rechner dann auf die Videos komponieren. Und dann endlich 2 Monate vor der Premiere die zündende Idee. Ich hatte einen Beat entworfen, der die perfekte Grundlage für alles bot. Benno war unglaublich froh und wusste, nun wird alles gut. Ich war auch froh. Endlich eine Orientierung, ein Gerüst, an dem wir uns halten konnten. Alle Ampeln auf Grün! Volle Fahrt voraus!
Und dann passierte das Unfassbare: im Glauben, ein aktuelles Backup von meinem Rechner auf meine externe Festplatte zu ziehen, machte ich es aus unerfindlichem Grund genau andersherum. Ich überschrieb die aktuellste Version der Musik auf meinem Rechner und löschte damit den neuen Beat unwiederbringlich. Obwohl ein heißer Schwall durch meinen ganzen Körper ging, wurde mir plötzlich ganz kalt und ich zitterte leicht. Hatte ich das wirklich getan? Ich musste mich verguckt haben. Nein, ich hatte mich nicht verguckt. Die Arbeit der letzten Tage… alles weg!
Es war etwa 10 Uhr morgens. Ich rief sofort Benno an, um ihm das Unglück beizubringen. Als er abnahm hörte ich, dass er von meinem Klingeln geweckt wurde. Panisch berichtete ich, was geschehen war. Und nun meine Lieben beginnt die Magie: Benno blieb ganz ruhig. Und obwohl er bereits seit mehreren Wochen jeden Tag teilweise bis zu 12 Stunden lang trainierte, sich den Kopf zermarterte, welche Tricks wie und wo gespielt werden sollten, herumexperimentierte mit unterschiedlichsten Diabolos, Stöcken und Schnüren. Und obwohl wir nur noch 2 Monate Zeit hatten für ein 6 Minuten langes Musikstück, von dem noch nichts existierte. Und das kleine Stückchen, welches bis vor wenigen Minuten noch existiert und allen Hoffnung gemacht hatte, war nun aufgrund meiner Schusseligkeit ausradiert worden. Obwohl all dies auf seinen Schultern lag und der Auftritt in 2 Monaten ein peinliches Desaster werden könnte, sagte er: „Ganz ruhig, wir schaffen das! Wir finden eine Lösung. Ich weiß, wir schaffen das!“
Und wisst ihr was dann geschah? All die Angst, all die Verkrampfung in meinem Körper löste sich. Alles stand auf Null. Ein weißes Blatt vor mir. Neuanfang. Die pure Inspiration. Ja, wir schaffen das! Energie schoss in mich hinein. Ja, wir schaffen das! Ich schnappte mir sofort die Gitarre und setzte mich an den mittleren Teil des Programms, für den ich bisher noch keine einzige Idee hatte. Die Jungs wurden darin vom Tempo her um die Hälfte langsamer und bewegten sich ganz synchron. Es war an diesem Tage, an dem zuvor noch alles verloren schien, dass mir die entscheidende Inspiration für diesen Part kam. Mit E-Gitarre, Syntheziser und Blechbläsern. Die Instrumentierung war gefunden und nun leitete sich plötzlich wie von Zauberhand der ganze Rest der Musik auch für die anderen Parts ab. Es wurde ein voller Erfolg. Es war noch eine Schinderei bis zur letzten Sekunde. Mit durchkomponierten Nächten und Proben bis zum Vortag des Auftritts. Aber die Premiere war fantastisch und Benno und sein Partner wurden sofort für Shows angefragt.

Benno ist ein Mensch mit unglaublichem Willen und Disziplin. Er setzt sich Ziele und packt dann an. Aber bei unserer Zusammenarbeit war das Besondere, dass er auch im richtigen Moment loslassen konnte. Und damit hat er das Beste in mir freigesetzt und beflügelt. Es war eine spannende und verrückte Zeit damals. Und es war unsere Zeit. Unsere Freundschaft hat keinen Schaden genommen. Im Gegenteil, sie ist stärker denn je geworden. Weil Benno an mich geglaubt hat. Im richtigen Moment. Danke Benno! Es war toll, das mit dir erleben zu dürfen 🙂

Wer das Programm mit Musik gern mal sehen möchte, findet hier ein Video von 2015 auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=TwffIdd3v2M

4. Juni 2021

Alles nur Kopfsache

Einige Jahre ist es schon her, da bekam ich den Auftrag, einen Song zu produzieren für ein Altersvorsorge-Institut. Handwerker sollten in einem animierten Musikvideo auf humorvolle Art und Weise auf die Absicherung ihrer Grundfähigkeiten hingewiesen werden. Mein Auftraggeber, eine Agentur, stellte sich leider bald als wenig stringent in ihrem Festhalten an Ideen und Meinungen heraus. Ursprünglich war ich für ein Lied nach Singer-Songwriter-Art gebucht worden. Nach einigen Demos hieß es dann aber plötzlich, es solle „rockig und cool“ werden. Ich rollte innerlich mit den Augen, ließ mich aber noch zu einer letzten Demo überreden, bevor es in neue Budgetverhandlungen gehen sollte wegen der Kursänderung.
Ich schnappte mir also meine E-Gitarre, stellte beim Verstärker den verzerrten Kanal ein, grub alle „Männlichkeits- und Bauarbeiterklischees“ aus, um sie in einem witzigen Text zu verwursteln und fand auf meinem Computer einige Baustellen-Sounds, aus denen ich einen Beat bastelte. Heraus kam eine Demo, bei der ich sofort spürte, dass alles passte. Ich war gespannt, was die Agentur sagen würde. Volltreffer! Alle waren begeistert. Der Chef meinte, das ganze Büro feiere den Song. Erleichterung auf meiner Seite. 2 Tage später dann die ersten Zweifel von der Agentur: Ja, vielleicht sollte man doch noch etwas ändern am Gesang. Vielleicht etwas höher singen. Eine Terz vielleicht. Oder eine Quinte. Ich fühlte mich wie Einstein, den jemand fragte, ob man an seiner Formel zur Relativitätstheorie E = mc² nicht einfach mal hinten noch ein „+2“ ranhängen oder das „m“ durch ein „n“ ersetzen könne. Was tun, wenn man weiß, dass alles passt, aber die Agentur, die einem das Geld zahlt zu unsicher und unerfahren ist? Ich blieb entspannt und gab nach. Ich bot an, noch einmal 5 unterschiedliche Gesangsvarianten zu senden. Von denen sollten sie sich dann eine finale aussuchen. Mehr könne und wolle ich zum vereinbarten Budget nicht leisten. Damit waren sie einverstanden. Gesagt getan. Ich sang noch einmal verschiedene Variationen ein, sendete alles der Agentur, diese wählte ihren Favoriten aus und alle waren zufrieden. Alle? Auch ich? Ja! Denn ich hatte unter die 5 Varianten auch einfach noch mal die 1. Demo gemischt. Nur mit anderem Namen. Und ratet, für welche der 5 „neuen“ Varianten sie sich entschieden haben? Genau! Seit diesem Tag weiß ich: Ist alles nur Kopfsache 🙂

Habt alle einen schönen Tag!

PS: Wer das Video mit dem Song gern mal hören möchte, findet es hier auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=zFFVzu8kxic

28. Mai 2021

auf und ab

In meiner Tätigkeit als Sprecher kommt es immer wieder vor, dass es Tage, manchmal sogar Wochen ohne Aufträge gibt. Keiner scheint in dieser Zeit ein Erklärvideo, einen Werbespot, einen Audioguide oder eine Telefonansage gesprochen zu brauchen. Früher haben mich diese Phasen ganz verrückt gemacht. „Keiner braucht mich, keiner will mich, ich kann nichts, ich werde nicht genug Geld verdienen“, waren Gedanken, die dann in meinem Kopf kreisten. Wenn es dann wieder losging mit Jobs, waren sie so schnell verschwunden, wie sie gekommen waren. „Puh, alles gar nicht so schlimm…“
Genau! dachte ich irgendwann. Warum machst du dir eigentlich so einen Stress? Bisher hast du alle Rechnungen immer bezahlen können. Über das Jahr verteilt kam genug rein, aber es geschah immer in Wellen.
Ich schaute mir das Wellen- oder Intervallprinzip genauer an und fand es eigentlich überall in der Natur wieder: die Jahreszeiten, die eine Ruhephase für Pflanzen und Tiere hatten, damit diese dann neu austreiben und sich neu vermehren konnten. Die Wellen am Strand, die sich zurückzogen, um sodann mit neuer Kraft ans Ufer zu schlagen. Ich selbst holte während meiner Tätigkeit in der Sprecherkabine regelmäßig Luft zwischen den Sätzen. Und schlussendlich ist auch jeder Klang, den ich mit Stimme, Gitarre oder Klavier erzeuge, eine Welle, die sich ihren Weg in einem stetigen Auf und Ab zum Ohr des Höhrers bahnt. Mir wurde plötzlich bewusst, wie wichtig diese Ruhephasen zum neuen Schwung holen waren. Ich unterlag einfach nur einer falschen Modellvorstellung. Ich sah meine Tätigkeit wie einen steilen Sprint zum Berg oder eine rastlose Fahrt auf der Autobahn. Nun ist mir bewusst, dass es Ruhephasen zum Kraft tanken und neu ausholen bedarf und ich nehme sie dankbar und gelassen hin. Ich tauche mittlerweile sogar richtig in sie hinein, denn ich weiß nun: Je mehr ich nach unten pendele und schwinge, desto größer wird auch die Amplitude am anderen Ende sein.
Lasst uns also unsere Surfbretter schnappen und auf den Wellen des Lebens reiten. Rein ins Tal, Schwung holen und dann losgleiten, wenn die Welle uns wieder trägt 🙂

Habt alle einen schönen Tag!

21. Mai 2021

Richtige Männer

„Richtige Männer heizen mit Holz – findet Lennart“ steht auf dem Zeitungsausschnitt. Dieser Spruch hatte gleich etwas in mir ausgelöst. Ich finde es faszinierend und verwunderlich, welche Eigenschaften und Eigenarten einem RICHTIGEN Mann so allgemein zugesprochen werden: Richtige Männer pinkeln nur im Stehen (natürlich, ohne sich hinterher die Hände zu waschen), richtige Männer sind Macher und bringen alles selbst per Hand in Ordnung (mit freiem Oberkörper, damit man die Muskeln sieht), echte Männer sind trinkfest, lösen ihre Konflikte mit den Fäusten und können mit Kindern und Hausarbeit nichts anfangen. ECHTE Männer sind auch leicht an ihren Interessenfeldern zu erkennen: Fußball, Frauen (zumindest ihr Äußeres) und Autos.
Ich denke, mit obiger Beschreibung können wir alle ganz froh sein, dass es in den letzten tausend Jahren auch einige unechte Männer und vor Allem viele RICHTIGE Frauen gab, die die Gesellschaft am Laufen gehalten und weiterentwickelt haben. Während der ECHTE Mann sich in seinen Kriegen ausgetobt hat, haben die anderen die Familie versorgt und hinterher wieder aufgeräumt. Während der ECHTE Mann seine Zeit in Fitnessstudios, Kneipen und Wettbüros verbracht hat, haben die anderen fließend Wasser, Strom und Buchdruck erfunden. Während der ECHTE Mann seine Familie verlassen, verdroschen oder verspielt hat, haben die anderen geholfen, geheilt und geliebt.
Lasst uns die Wahrheit aussprechen: Es gibt keine RICHTIGEN Männer! Und es gab sie auch noch nie. Ähnlich wie GUTER Soldat, BRAVES Kind, VORBILDLICHER Schüler, FLEISSIGE Hausfrau und GUTE Mutter sind diese Begriffe und Definitionen wie kleine Käfige, die über uns gestülpt werden. Darin dürfen wir uns dann bewegen, damit es andere leichter mit uns haben. Auf hinterhältigste Weise werden wir hinein gelockt in diese Käfige mit Aussagen wie: „Du willst doch ein BRAVES Kind sein, oder? Dann musst du dieses oder jenes tun!“ oder „Du willst eine GUTE Hausfrau und Mutter sein? Dann musst du dich so oder so verhalten!“. Der Käfig wirkt am Ende noch wie eine Belohnung für erwünschtes Verhalten.
Aber so sind wir nicht. Wir sind keine RICHTIGEN Männer, keine BRAVEN Kinder und keine FLEISSIGEN Hausfrauen. Wir sind alle verschieden. Mit dem Recht auf Individualität und freie Entdeckung und Entfaltung unseres Selbst. Das ist die Wahrheit. Und wer mir und euch was anderes erzählen möchte, versucht vielleicht einfach nur gerade in Zeiten von nachhaltigen und sauberen Energien, seinen alten Holzbrennkessel an uns zu verkaufen 🙂

Habt alle einen schönen Tag!

14. Mai 2021

Regeln

Regeln werden oft kritisiert, dabei wurden sie ins Leben gerufen, um irgend einen Umstand im Zusammenleben zwischen Menschen zu ordnen, zu „regeln“. Dadurch gibt es für diesen Umstand Klarheit und es fällt allen Beteiligten leichter, beim Auftreten dieses Umstandes zu reagieren. Man braucht sich nur an die Regel zu halten.

Bei uns zu Hause gibt es beispielsweise die Regel, dass die Türen von der Küche zum Wohnzimmer und zum Flur immer zu sein sollen. Da der Kater von draussen kommend ansonsten gern durch diese Türen geht und es sich auf Sofas oder Betten gemütlich macht. Im letzten Jahr wurden wir dann von Katzenflöhen befallen und es war etwas aufwändig und mühsam, die Zimmer aller 6 Mitglieder unserer Familie zu entflohen. Seitdem gibt es diese Regel und ich finde sie nach dem Erlebten sehr sinnvoll und erleichternd für unser Zusammenleben.
Nun sind mir bei mir aber Unregelmäßigkeiten in der Reaktion auf Regelverstöße aufgefallen und zwar immer in Abhängigkeit zu meiner Tagesform. Ließen die Kinder die Tür an Tagen offen stehen, an denen es mir gut ging, habe ich sie manchmal einfach selbst zu gemacht oder habe verständnisvoll und geduldig auf unsere Regel hingewiesen. An Tagen, an denen ich gestresst oder müde war, wies ich auch gern mal lautstark hinterherbrüllend auf die Erfüllung der Regel hin. Ich fühlte in diesem Moment auch wenig Bekümmerung um einen neuen Flohangriff, wenn ich ehrlich bin, sondern die Regelverletzung bot mir in diesem Moment viel mehr einen willkommenen Anlass, um dem ganzen Bündel, dass mich belastete, Luft zu machen. Aber der Ärger, der in diesem Moment auf meine Kinder flog, hätte eigentlich mir selber gelten sollen. Weil ich nicht genug Acht gegeben hatte auf mich. Weil ich wider besseren Wissens zu spät ins Bett gegangen war um noch irgend etwas zu erledigen, was mir in diesem Moment besonders wichtig erschien. Oder weil ich irgendein Problem, was am Tage aufgetreten war, hastig und halbherzig vor mir herschob, anstatt mir Zeit für eine genaue Betrachtung zu nehmen und daraus dann eine Strategie zur Bewältigung zu erarbeiten.
Regeln gehören meiner Erfahrung nach nicht zum Kern des Problems. Es ist die eigene Verfassung, die den Blick auf eine Regel beeinflusst. Pedanterie und übertriebene Heftigkeit beim Auslegen und Durchsetzen der Regeln zeugen oft von Disbalancen im Inneren. Das gilt für einzelne Menschen, wie für Gruppen oder gar ganze Länder. Das Chaos und die Unruhe im Inneren suchen verzweifelt nach Rückgewinnung der Kontrolle. Da kommt eine aufgestellte Regel gerade recht. Hier darf sich abgearbeitet werden und mit dem Gefühl, das Richtige zu tun, wird das Gewissen beruhigt. Doch das Unrecht, das wir anderen Menschen dabei oft antun, wenn wir sie die Auswirkungen unseres inneren Ungleichgewichts spüren lassen, sind ein hoher Preis für die fehlende Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst. Wenn wir es wirklich ernst meinen mit einer friedlicheren und gewaltfreieren Welt für alle, dann beginnt der Weg in uns selbst. Zeit für uns. Uns selbst lernen, zu verstehen. Lernen, zu verstehen, was wir brauchen, was uns gut tut, was uns glücklich und zufrieden macht. Damit wir Glück und Zufriedenheit weiter geben können. Ab morgen eine neue Regel: Kümmer dich mehr um dich 🙂

Habt alle einen schönen Tag!

7. Mai 2021

Sprachbarriere

Als wir in Schweden ankamen, konnte ich nur sehr wenig schwedisch sprechen. Wie ich heiße, wo ich herkomme und „dass die nächste Werstatt 2 Kilometer entfernt liegt“ (ein Satz aus dem Lehrbuch, den ich mir komischerweise gleich eingeprägt hatte). Durch das fehlende Vokabular war ich oft gezwungen, einfach nur zuzuhören. Mir fielen viele Kommentare oder Meinungen zu Dingen ein, aber ich wusste nicht, wie man sie sagt. Ich hörte mehr zu und mein Fokus wanderte automatisch mehr auf den Menschen, der mir etwas erzählte. Dadurch, dass ich ihn nicht unterbrach mit meinen Kommentaren oder Gedankenblitzen, konnte ich mehr und besser seine ganze Geschichte und sein ganzes Wesen erfassen. Als Mensch, der ständig zu irgend etwas irgend welche Gedanken hat, erschien es mir früher normal, diese auch stets mitzuteilen.
Aber nun gab es plötzlich eine Bremse, einen harten Filter, der mich validieren ließ, welche Gedanken wirklich so immens wichtig waren, dass es die Mühe wert war, nach Worten, Gesten und Erklärungen für ihre Artikulation zu suchen. Ich wurde viel ruhiger in Konversationen. Und es färbte auf meine Gespräche in deutscher Sprache ab. Auch hier begann ich nun selbst zu filtern und einfach mehr zuzuhören. Mit echtem Interesse am Inhalt des Anderen und nicht auf der Jagd nach Anerkennung für einen Wortwitz oder einen originellen Gedanken zum Thema.
So hat sich ein zunächst scheinbarer Nachteil zu einem wunderbaren Vorteil und einer Bereicherung in meinem Leben entwickelt. Und ich bin dankbar, dass ich diese Entwicklung machen durfte 🙂

Habt alle einen schönen Tag!