10. September 2021

Lernen

Gleich würde ich die Bombe platzen lassen und sie vor der ganzen Klasse lächerlich machen. Ich griente vor Vorfreude, als die Physiklehrerin den Stoff der letzten Stunde wiederholte und fragte, welche „Rollen“ wir kennen. Eifrig riss ich meine Hand empor und bekundete damit absoluten Willen, meinen Mitschüler*innen vom Flaschenzug und anderen Kräfte verteilenden Rollen zu berichten. Als ich auch direkt rankam, beteuerte ich stattdessen aber mit gespielt naivem Unschuldsgesicht, dass ich Vorwärts-, Rückwärts- und auch Klo-„Rollen“ kennen würde. Meine Antwort verfehlte nicht im Mindesten ihre Wirkung: die Klasse grölte los und ich wurde ins Exil auf den Flur verbannt.

Ich bin keiner von jenen Menschen, die sich nun weise schmunzelnd zurück lehnen und sagen: „Ja, ja, damals, das waren noch Zeiten. Heute bin ich natürlich ruhiger und erwachsener!“ Ich fühle den 16-jährigen Jungen immer noch genauso in mir, wie damals. Schule war ein bisschen wie Lotto spielen. Entweder interessierte einen der Stoff oder nicht. Entweder kam man mit einer Lehrerin klar oder nicht.
Heute bin ich nett zu all meinen Lehrerinnen und Lehrern, denn ich suche sie mir selbst. Ein Kumpel von meinem Sohn kann für einen kurzen Moment mein Schwedischlehrer sein, weil er ein mir unbekanntes Wort benutzt, welches ich eifrig einsauge. Die Katze begegnet mir, selbst nach dem ich sie gescholten habe für’s auf den Esstisch gehen, immer wieder mit soviel Sanftmut und Zuneigung, dass es auch mich inspiriert, diese in meinen Beziehungen zu anderen Menschen mehr walten zu lassen. Letzte Woche erhielt ich Lehrstunden im Bauen einer Abwasseranlage, als diese auf unserem Grundstück neu gemacht wurde. Sohnemann saß im Bagger und grub und schachtete, während der Vater des Familienbetriebes mit seinen 74 Jahren daneben stand und mir wohlwollend alles erklärte, was vor sich ging und warum dieses und jenes wichtig sei.

Wenn wir achtsam genug sind, erhalten wir stets und ständig gratis Unterricht von den besten Lehrerinnen und Lehrern der Welt. Denn sie unterrichten nicht nur, sondern leben vor, was sie uns lehren wollen. Dankbar nehme ich diese Lektionen entgegen. Denn ich habe das Gefühl, dass es unsere Aufgabe ist, nie fertig zu werden. Immer auf dem Weg zu sein. Genau dafür lernen wir, für das nächste Stück Weg, für die nächsten paar Meilen, die vor uns liegen. Lernen macht glücklich, wenn wir selbst wählen dürfen.

Arme Frau Zanker, die damals diesen vorlauten Jungen in ihrer Physikstunde hatte. Was wollte das Leben sie damit lehren? Was wollte es mich lehren? Genau weiß ich es natürlich nicht, aber draußen auf dem Flur dachte ich jedenfalls nicht über das zuvor Geschehene nach, sondern tüftelte womöglich in meinem Kopf an irgend einem Text oder einer Melodie herum. Aus heutiger Sicht eine durchaus wertvoll genutzte Physikstunde… 😉

Habt alle einen schönen Tag!

03. September 2021

Kein Held

Nennt mich kindisch, aber ich bin immer noch Batman-Fan. Ich habe fast alle Filme gesehen. Neulich war ich sogar selbst Batman. Naja… zumindest fühlte ich mich genau wie er. Um das zu erklären, muss ich ganz kurz das Ende von „The dark knight“ erklären: Der Staatsanwalt Harvey Dent stirbt. Dieser war Gotham Citys Hoffung auf eine hellere Zukunft, bevor der Bösewicht Joker ihn in den Wahnsinn trieb und zu 5 Morden anstiftete. Um Gotham City nicht die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu nehmen und den Joker nicht gewinnen zu lassen, nimmt Batman die von Dent begangenen Morde auf sich. Nur der Polizeidirektor Jim Gordon kennt die Wahrheit. Schweren Herzens hetzt er in der Schlussszene seine Männer auf Batman und dann kommt folgender epischer Dialog zwischen ihm und seinem kleinen Sohn:

– „Warum läuft er weg, Dad?“
– „Weil wir ihn jetzt jagen müssen!“
– „Er hat doch nichts Falsches getan!“
– „Weil er der Held ist, den Gotham verdient, aber nicht der, den es gerade braucht.
Also jagen wir ihn! Weil er es ertragen kann! Denn er ist kein Held!
Er ist ein stiller Wächter! Ein wachsamer Beschützer! Ein dunkler Ritter!“

Witzig, aber als mein großer Sohn, 11 Jahre alt, mich nach seinem Fußballturnier am Sonntag fragte, ob er noch mit zu einem Kumpel gehen darf und spielen (das ist die nette Umschreibung für Minecraft zocken), sah ich in seine müden Augen und sagte nein, er müsse sich erstmal zu Hause ausruhen und auf den folgenden Schultag vorbereiten. Als dann das wohlbekannte „Papa-du-bis-total-doof-und-ich-will-nie-wieder-mit-dir-sprechen-Gesicht“ aufgesetzt wurde, fühlte ich sie plötzlich ganz stark in mir, die Schlusszeilen von Batman:
„Weil ich der Held bin, den mein Sohn verdient, aber nicht der, den er gerade braucht. Also werde ich gejagt. Weil ich es ertragen kann. Denn ich bin kein Held! Ein stiller Wächter! Ein wachsamer Beschützer! Ein dunkler Ritter!“

Genau wie die Einwohner von Gotham City, so wissen auch die Kinder nie, was man eigentlich alles leistet. Einsam steht man mit wehendem Heldenumhang auf dem Wolkenkratzer und schaut beschützend auf sie herab. Man muss Entscheidungen treffen, für die sie einen anschreien, Türen knallen und das volle Repertoire ihrer Abneigung entpacken und vorführen. Und doch tun wir diese Dinge. Weil wir wissen…

– dass es nicht jeden Tag nur Hamburger und Pizza geben kann
– dass man nicht nur von früh bis abends Filme schauen kann
– dass Schokocreme ein Genuss- und kein Nahrunsmittel ist
– dass Lesen und Schreiben lernen wichtig ist
– dass man nicht jeden Tag bei der besten Freundin oder dem besten Freund übernachten kann
– dass man nicht einfach ein Pferd kaufen und irgendwo hinstellen kann
– dass Aufräumen nützlich bis notwendig ist
– dass kaputte Dinge Geld kosten

Ich bin mir sicher, ihr und ich hättet noch hunderte Beispiele, um diese Liste fortzuführen. Nein ehrlich, als Mama oder Papa muss man eine starke Selbstüberzeugung von dem haben, was man da macht. Denn unsere täglichen Schlagabtäusche werden nicht actionreich verfilmt und es schläft auch keiner in Bettwäsche mit unseren Gesichtern darauf. Unsere Heldentaten finden ganz im Stillen statt und wir sind die Einzigen, die davon wissen. Vielleicht wäre ja die Welt schon ein bisschen leichter, wenn wir genau wie Batman im Nebenjob auch Milliardäre wären. Dann würden einen die ersten Schreibversuche auf dem Autolack viel weniger jucken… 😉

Habt alle einen schönen Tag!

27. August 2021

Herzensmusik

Es war ein warmer Sommerabend. Mit meinem Vater, meinem Cousin und ein, zwei anderen Gästen saßen wir am knisternden Lagerfeuer. Wolfgang holte seine Gitarre aus dem großen Gemeinschaftsbungalow. Ihm gehörte das Kanu-Camp, in welches wir eher durch Zufall geraten waren. Mit Inbrunst und Lebensfreude begann er dann, Lieder von Reinhard Mey und Hannes Wader zum Besten zu geben. Hin und wieder setzte er dabei auch die Mundharmonika an die Schnauzbart geschmückten Lippen und schmetterte sie zum poltrigen Zupfen seiner Finger durch die laue Sommernacht.
Ich war hingerissen, verzaubert, betrunken von der Wucht der ungeschminkten Schönheit dieses Musizierens. Ich war 13. An diesem Abend wurde ein Funke in mir entzündet, der mich von da an mein gesamtes, weiteres Leben begleiten sollte.
Wieder daheim, sah ich plötzlich die alte Gitarre meiner Mutter, die seit Jahren dekorativ in der Ecke stand, mit anderen Augen. Ich wollte darauf spielen. Also wünschte ich mir zum nächsten Geburtstag ein Gitarrenlehrbuch. Ein zuvor sehnlichst gewünschtes Keyboard lag nach kurzem Intermezzo seit einem halben Jahr unbespielt im Schrank. Daher sahen meine Mutter und mein Stiefvater meinem neuen, musikalischen Anlauf zwar neugierig, aber auch leicht belächelnd entgegen. Diese armen Tröpfe! Sie konnten nicht wissen, das dies MEIN Instrument war, das dies MEIN Weg war. Die Gitarre wurde schnell zu einem starken Ausdruck meiner Seele. Ihre Saiten waren nicht unten am Steg befestigt, sondern direkt in meinem Herzen.
Die erste, schüchtern-missglückte Schulliebe inspirierte mich zu einem Song, welchen ich aufnahm. Das war beim guten Timothy, der langhaarig und mit Vollbart in seinem nach Nag Champa Räucherstäbchen duftenden Wohnzimmer im Prenzlberg dem jungen Rechtsanwaltssohn aus der Einfamilienhaussiedlung am Stadtrand einen heiligen Platz bot, um seine ersten, wackeligen, musikalischen Schritte zu gehen.
Mit 16 hat man, mal ganz abgesehen vom hormonal-emotionalen Ausnahmezustand, in dem man sich befindet, nicht viel zu tun. Das wachsende Bewusstsein für die Ausmaße der mich umgebenden Welt in Kombination mit den Konflikten, die sich aus meinem Innen und dem Außen ergaben, waren ein absolutes Brutbecken für hoch emotionale Songs und Texte. Ohne Ahnung von Noten, Technik und Aufnahmeprozedere setzte ich mich wenig später vor ein Mikro in meinem Zimmer und bannte mit einfachsten Mitteln auf Kassettenband, was mich bewegte. Wenn ich mir heute die Aufnahmen anhöre, muss ich zum einen belustigt den Kopf schütteln über die ganzen technischen Faux pas, andererseits liegt auch etwas Magisches in diesen naiven und mit solcher Überzeugung und Emotion eingespielten Songs.

Heute verstehe ich, dass es diese Naivität ist, die ein Künstler braucht, um wahre Kunst zu schaffen. Es ist das strickte Weigern, die Welt so zu sehen, wie andere sie sehen, selbst wenn man auf Unverständnis oder gar Ablehnung stößt. Es ist das alleinige Vertrauen der inneren Welt und das Priorisieren des eigenen Bauchgefühls über allem anderen.
Ich verlor einen Teil dieser Naivität beim Versuch, musikalisch besser und vielseitiger zu werden. Mein Ehrgeiz und die Art, wie ich erzogen wurde, suggerierten mir, dass ich Stile, Noten, Theorie und Technik erlernen müsse, um erfolgreich zu werden. Nach unbedarften Bandprojekten in verschwitzten und muffigen Jugendclub-Proberäumen, zog eines Tages in der U-Bahn ein Plakat meine Aufmerksamkeit auf sich: Es wurde ein privates Popmusik-Studium angeboten, mit Diplom und Abschluss. Es klang genau nach dem, was ich machen wollte. Ich brauchte Schliff, ich brauchte Ausbildung. Ich brauchte endlich jemanden, der mein Talent erkannte und förderte!
Man sollte vorsichtig sein mit dem, was man sich wünscht! Denn es könnte in Erfüllung gehen. Ich bekam Schliff, Ausbildung und Förderung. Ich lernte Noten schreiben, Septimen und Sechsten heraushören und traf Mitmusiker, mit denen ich meine Songs in einem professionellen Studio aufnahm. Meine Mutter förderte mich aus der Tiefe ihres Herzens mit dem Besten, was sie geben konnte. Den ungeordneten Mitgliederhaufen meiner Band schlug sie ein in den sicheren Mantel einer GbR und meiner Musik bot sie den sicheren Hafen eines selbst gegründeten Labels in GmbH-Form mit ihr und mir als Geschäftsführer. Mein Kopf routierte und brillierte. Ich schrieb schlaue Lieder, feine Texte, sinnige Zeilen und ironische Kniffe. Als die Band auseinanderging, entwickelte ich ein Live-Programm, bei dem ich mich mit Hilfe von Technik selbst auf der Bühne aufnehmen, wieder abspielen und dann mit mir selbst musizieren konnte. Meine Stile und Rollen auf der Bühne wechselten: HipHop, Reggae, Blues und Flamenco. Dazu Clownerie und Charme. Ich würde dem Publikum schon beweisen, dass ich ein Künstler war, für den es sich lohnte, etwas in den Hut zu werfen!

Und mein Herz? Was tat das eigentlich? Es gründete eine Familie! Still und leise durchkreuzte und untergrub es meine ausgedachten und routierenden Musikerpläne immer mehr. Ein Kind. Zwei Kinder. Drei Kinder. Ich vermisste sie, wenn ich am Wochenende weg war, um ein Konzert zu spielen. Viel lieber hätte ich ihnen abends vorgelesen, als meine eigene PA auf einem Geburtstag aufzubauen und die Leute zu bespaßen. Beim vierten Kind dann endlich kapitulierte ich vor meinem Herzen. Ich wollte kein Berufsmusiker mehr sein, sondern nur noch Geld als Sprecher verdienen und ansonsten für die Familie da sein. Ich verkaufte meine gesamte Technik mit fast allen Instrumenten und bat meine Mutter, das Label aufzulösen. Eine schwere Bleikugel wurde von meinem Fuß genommen und ich spürte eine ungeheure Erleichterung.

Das alles ist nun sechseinhalb Jahre her. In dieser Zeit habe ich versucht, die unwichtigen, erlernten Dinge Stück für Stück wieder zu vergessen und die wichtigen wieder zu erlernen. Um meine Herzensmusik zu finden. Die von damals, als ich in meinem Zimmer auf den Aufnahmeknopf des Kassettenrekorders drückte und einfach losspielte. Die letzten Tage hat es sich so angefühlt, als ginge da was. Als hätte ich einen Weg zurück gefunden. Ich bin wieder in meiner Welt. Die, die kein anderer sieht und fühlt. Nur ich. Aber ich zeig sie euch. Bald. November. Wir hören uns, versprochen!

Habt alle einen schönen Tag!

20. August 2021

Einsteigen bitte

„Ich bin enttäuscht!“ Wer das schon mal zu hören oder zu fühlen bekommen hat, fühlte sich danach höchstwahrscheinlich schlecht. So ging es mir jedenfalls oft in meinem Leben. Irgendwann begann ich, darüber nachzudenken und folgende Sichtweise setzte sich mehr und mehr bei mir durch: Enttäuschungen gibt es eigentlich gar nicht!

Wenn das Leben ein Zug wäre, dann hätten wir die Chance, gespannt von Station zu Station zu fahren, um uns dort überraschen zu lassen, was das Leben uns Tolles zu bieten hat.
Menschen mit Enttäuschungen sind aber irgendwie außerhalb des Zuges. Sie stehen auf einem kleinen Karton an der Bahnstrecke und wundern sich, warum das Leben sie nicht mitnimmt.
Es kommt vor, dass sie ihren Karton auf einer Bahnstation positioniert haben und einsteigen dürfen. Dann sind sie froh und mögen das Leben und die dazu gehörigen Akteure. „Ich bin enttäuscht!“ ist dann nicht zu hören.
Stehen sie allerdings an den langen Strecken zwischen den Stationen, brausen Zug, wie auch das Leben einfach an ihnen vorbei… „Das hatte ich mir aber anders gedacht“, heißt es dann, „Nun bin ich enttäuscht!“.

Wir sollten uns aus solchen Äußerungen nichts machen, das hat nichts mit uns zu tun. Lasst uns gemütlich im Zug sitzen und uns erfreuen an der schönen Reise, die das Leben uns bietet. Achso… und hin und wieder schadet es auch nicht, bei uns selbst zu schauen, wo wir unseren Karton aufgestellt haben… 😉

Habt alle einen schönen Tag!

13. August 2021

Kinder Kinder

Kinder großziehen ist wie ein Kinofilm, den man wärmstens empfohlen bekommen hat und dann sitzt man da und fragt sich, wieso man da eigentlich reingegangen ist. Der Prozess des Begleitens und zusammen Wohnens ist immer wieder geprägt von Erfolgen, Rückschlägen, stetigem Dazulernen und Lächeln, Einatmen, Ausatmen und wieder Lächeln.
Neulich sollte unsere Jüngste, 6 Jahre alt, vor dem Mittag noch schnell die Müslischüssel vom Frühstück wegräumen. Das hatte sie vergessen. Es ging nicht! „Wieso muss ICH immer ALLES machen?“, stand auf ihrem Gesicht geschrieben und wie von einem exotischen Kleintier gebissen, fiel sie auf ihrem Stuhl in eine starre Lähmung. Ich sag euch jetzt, was aus meiner Sicht das Allerschwerste am Kinder großziehen ist. Es sind genau diese Situationen, in denen ein vor Egozentrik und Selbstüberschätzung brodelnder, kleiner Vulkan vor dem Ausbruch steht und man muss ganz ruhig bleiben und den Karren möglichst behutsam aus dem Dreck ziehen.
Nun saß die kleine Prinzessin also da wie eine Landmine kurz vor der Berührung. Zum Glück hatte sie keine Ahnung, wen sie da vor sich hatte. Ich war Robert Moeck – 4facher Papa! Siegfriedgleich hatte ich zwar nicht in Drachenblut gebadet, aber Bäuerchenreste von der Schulter gewischt, so dass es für 2 ganze Bäder gereicht hätte. Ich war ausgebildeter doppel-K-Agent! Das stand für Kotze und Kacke, welche mich nicht mehr im Mindesten beeindrucken konnten, geschweige denn von meiner Mission abbringen. Dieses Früchtchen hier musste schon früher aufstehen, wenn es mich beeindrucken wollte. Ihre Schwester hatte schon auf’s Laminat gepinkelt und mir dabei provozierend in die Augen geschaut, da war unsere kleine Ballerina hier noch Quark im Schaufenster.
Jedoch egal wie viel Erfahrung man mitbringt, zunächst gilt es, am Anfang der Konfliktsituation 2 Stolperfallen auszuweichen, die einem ansonsten den klaren Kopf rauben: „Was erlaubt sich die kleine Rotzgöre da eigentlich? Keine Ahnung von nix, aber spielt sich auf, wie eine Hoheit!“ Stimmt! Aber sie ist noch klein und weiß überhaupt nicht, was sie da tut. BÄHM! Geschmeidig wie ein Ninja hatte ich mich weggeduckt und das Ego haute sich nach kraftvollem Ausholen selbst in die Fresse. Geschieht ihm Recht. Es hat ja hier auch nichts zu suchen! Doch der 2. Gegner schlich sich bereits noch heimtückischer von hinten heran: „Ich zähle jetzt bis 3 und wenn du dann nicht…“ Moment mal! Das klang doch wie meine Mutter… BÄHM! Auch hier erkannte ich dank meiner Quattro-Dad-Ausbildung blitzschnell den Wolf im Schafspelz. Ich liebte dieses kleine Mädchen, dass da so bockig vor mir saß. Und deshalb würde ich nicht unreflektiert den gleichen Erziehungsmüll über sie kippen, den meine Vorgängergenerationen bereits erfolglos an mir ausprobiert hatten.
Puh, das hätten wir! Immer wieder spannend, diese 2 ersten Hindernisse schadenfrei zu umschiffen. Und ich bin ehrlich: es gelingt mir auch nicht jeden Tag. Aber heute schon! Heute blähten sich meine Segel wieder kraftvoll nach diesen ersten Untiefen und es konnte weiter gehen.

Nun war schauspielerisches Talent gefragt. James Bond gleich müssen Eltern auch in der ausweglosesten Situation, gefesselt und geknebelt, mit 30 Bärenfallen und einem Aligator-Wassergraben um sich herum, dazu ein super tödlicher Hyper-Mega-Ultra-Atomstrahler auf sie gerichtet, cool bleiben. Lässig und ohne eine Mine zu verziehen, blicken sie dem Superschurken ins Gesicht, so dass dieser sich fragt, was um alles in der Welt er denn übersehen hat? Welchen versteckten Ausweg hat er nicht bedacht?
Denn zeigen wir vorm bockenden Kind auch nur die kleinste Spur von Ärger oder Missfallen, breitet sich ein Grinsen aus auf seinem Gesicht und auf der inneren Schiffe-Versenken-Karte wird ein dickes Kreuz an dieser Stelle vermerkt: Aha, hier ist Papa also verwundbar! Diesen Triumph sollte man den kleinen Rackern unbedingt vorenthalten, ansonsten wirken alle folgenden, pädagogischen Schritte wie jene von Aschenputtels Schwestern im gläsernen Schuh: holprig und unglaubwürdig!
Ich begann also in Ruhe, das Mittag zu essen und meiner freundlichen-Onkel-Stimme hörte man nicht im Mindesten an, dass ich eigentlich innerlich mit den Augen rollte. Warm, aber ohne große Emotionen fasste ich die Faktenlage zusammen: dass sie die Schüssel benutzt hatte, dass alle im Haushalt mithelfen, dass ich das Mittag gekocht hatte und ihre Geschwister den Tisch gedeckt hatten. Und sobald sie die Schüssel hinüber zum Abwasch geräumt hätte, könne sie ebenfalls mit dem Mittag beginnen.
Es geschah nichts. Ungerührt verharrte der brodelnde Vulkan in seiner Lähmstarre und die Spannung stieg, wie bei einer Lottoziehung mit bereits 5 Richtigen. Dann geschah doch etwas: die Müslischüssel wurde zur Seite geschubst und der Suppenteller an den Topf heran geschoben, um sich Eintopf aufzutun. Hier ist noch mal alle Beherrschung gefragt, denn frech und unerwartet bekommen wir den Duellierhandschuh über’s Gesicht gezogen. Obwohl wir uns vorher soviel Mühe gegeben haben, fair zu bleiben. Ruhig Blut! Mit sowas brauchen wir uns nicht duellieren. Das Prinzesschen hat bereits verloren und hat leider nur noch den Punkt „Verzweiflungstat“ in ihrem Repertoire übrig. Deshalb schiebe ich auch nur ruhig den Suppenteller zurück und bemerke mit fast schon nüchterner Wissenschaftlerstimme: „Nein, das geht leider nicht.“ Noch einmal kurzes Zusammenfassen der Fakten: Du hast die Schüssel benutzt, alle helfen mit im Haushalt ect. und dabei entspanntes Weiteressen nicht vergessen. Damit haben wir unsere Aufgabe erfüllt. Der Rest liegt nun beim Sprössling und seinem Willen, sich heute für oder gegen Einsicht und Gemeinschaftssinn zu entscheiden. RUMMS! Die Küchentür knallt zu. Ok, heute also dagegen. Na gut. „Man sieht sich immer zwei mal im Leben“, rufe ich in Gedanken dem Superschurken hinterher. Auf ein Neues beim Abendbrot… 😉

Habt alle einen schönen Tag!

6. August 2021

Wundern

Ich stehe vor einer Sonnenblume und denke: Was für ein Wunder! Wie konnte aus einem Kern, winziger als mein kleiner Zeh, so eine riesige und prächtige Pflanze wachsen? So schön, so vollkommen! Ja, natürlich habe ich in Biologie aufgepasst: Zellen, genetischer Bauplan. Alles läuft los, wenn der Kern in der Erde und die richtige Temperatur gegeben ist. Aber wie genau geschieht das? Fühlt dieses kleine, trockene Ding da? Misst es die Temperatur? So wie ich, der ich den Fuß in den See halte und dann entscheide, ob ich heute baden gehe oder nicht? „Heute ist gut, heut wachse ich los.“ Und der Bauplan? Das klingt so einfach. So nach Legoteile zusammenstecken, die ich vom Haufen nehme und mich immer wieder auf dem Plan vergewissere, dass ich es richtig mache.
Aber ich bin aufgeschmissen, wenn mir Teile fehlen. Dann stehe ich da mit meinem unvollendeten Meisterwerk. IKEA-Käufer wissen genau, wovon ich rede… (nobodys perfect – auch die Schweden nicht 😉 )
Aber auf kargem Boden oder bei wenig Platz für die Wurzeln im Topf wächst die Blume trotzdem komplett heran, konnte ich beobachten. Sie ist dann nur kleiner. Wie passt sich der Bauplan so einfach an? Wer oder was analysiert den Boden und gibt dann Bescheid: „Jungs! Bor und Kalium sind bald alle. Jetzt nicht mehr Stängel bauen, sonst reicht’s nachher nicht mehr für die Blüte!“
Wusstet ihr, dass Sonnenblumen während des Wachsens Ihren Kopf immer mit der Sonne mitdrehen? Von Osten nach Westen folgen sie am Tag ihrem Lauf. Und in der Nacht drehen sie den Kopf zurück nach Osten. Irgendwo an diesem wunderschönen Ding ist also auch noch ein Lichtsensor dran. Verrückt! Ich stehe vor der Sonnenblume und mir kommt in den Sinn, dass wir besonders schöne und angenehme Dinge WUNDERbar finden. Hingegen Wunder, also Dinge, die wir uns nicht erklären können eher als SONDERbar gelten.
Ich verstehe nicht, wie die Sonnenblume all dies macht. Ich stehe nur davor und finde sie wunderbar! Sonderbar finde ich, dass nicht mehr Menschen vor ihr stehen und sie bewundern. Das ist sie nämlich: ein Wunder!

Habt alle einen schönen Tag!

23. Juli 2021

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Trau ruhig deinem Gefühl

Heute habe ich mal auf mein Gefühl gehört und meine Freitagsgedanken nicht aufgeschrieben, sondern gerapt. 🙂

Habt alle einen schönen Tag!

16. Juli 2021

Der Jüngling

Es war einmal eine Frau. Der hatten die Ärzte gesagt, dass sie keine Kinder mehr bekommen könne. Dann bekam sie aber doch eines und es war das wundervollste Geschenk für sie auf Erden. Sie liebte dieses Kind über alles. Es war wunderschön. Es war weich und zart. Und lachte so viel. Es war ganz anders als die harte Welt, die die Frau kennen gelernt hatte. Die Frau verstand, dass sie das Kind beschützen musste vor dieser Welt.

Das Kind wuchs heran und die Frau beschützte das Kind. Denn Liebe bedeutete Schutz, das verstand die Frau. Keiner hatte sie beschützt als Kind. Diesen Fehler würde sie nicht machen. Sie liebte ihr Kind über alles, also würde sie es beschützen.

Das Kind wuchs heran zu einem schönen Jüngling. Schön war er. Gut hatte die Mutter ihn beschützt. Manchmal kam er nun auf Ideen, die es der Frau schwer machten, ihn weiter zu beschützen. Aber mit guten, überzeugenden Worten hier und da oder einer aufopfernden Geste ihrerseits war das alles immer wieder in den Griff zu kriegen.

Ein junger Mann war nun der Jüngling. Er verliebte sich. Wie schwer es nun plötzlich war, ihn zu beschützen. Die, in die er sich verliebte, verstand überhaupt nichts von der harten Welt. Sie lächelte nur milde und ihre Augen leuchteten, wenn die Frau von ihrem harten Alltag in der harten Welt erzählte. Der junge Mann, welcher früher gebannt und mit vor Schreck angehaltenem Atem der Frau gelauscht hatte, blickte nun immer häufiger in die strahlenden Augen des Mädchens. Verzweifelt sah die Frau dies und ein Gefühl der Undankbarkeit stieg in ihr empor.

Der junge Mann verließ die Frau. Er lebte fortan mit dem Mädchen und zusammen bekamen sie Kinder. Als der junge Mann die kleinen Kinder in seinen Armen hielt, stieg ein Gefühl in ihm empor. Er hatte noch nie zuvor so etwas Schönes gesehen und gefühlt. Deshalb bildeten sich Sorgenfalten auf seiner Stirn und er dachte: Ich muss diese kleinen Wesen beschützen. Das Mädchen aber küsste den Jüngling sanft, strich seine Sorgenfalten glatt und sprach: Klein sehen sie aus und doch sind sie bereits größer als du. Beschütze sie, aber nur vor dir und deinen Ängsten. Halte sie, aber nur solange, bis sie loslaufen. Und dann… feuere sie an auf ihrem Weg!

Der Jüngling lächelte. Und sein Herz machte einen kleinen Freudenhüpfer. Wie weise dieses Mädchen war. Und bewundernd blickte er ihr nach. Doch diese war bereits wieder im Garten verschwunden, wo sie einen Blumenstrauß für das Abendbrot pflückte.

9. Juli 2021

Wie cool du bist

„Wie cool du bist!“ Das muss ich dem Leben immer mal wieder sagen. So überraschend. So witzig. Wie am letzten Dienstag, als ich die Kinder alle beim Fußball-Ferienlager in unserem Dörfchen abschmiss, um mich dann weiter nach Vimmerby zu begeben. Das ist die nächst größere Kleinstadt, in der man ganz gut einkaufen und Besorgungen machen kann. Außerdem sitzt da meine Steuerberaterin. Der brachte ich meine Buchhaltung vorbei, griff danach eine Packung Schrauben beim Baumarkt und kaufte anschließend den Großpack Hühnerfutter beim Tierhandel. Nur ein Laden stand noch aus, welcher aber erst später als alle anderen öffnete. Ich hatte meinen Laptop mitgenommen, um die Zeit mit Schreiben zu überbrücken. Nicht weit entfernt lag ein schöner Friedhof, dort wollte ich hin und mir ein stilles Bänkchen suchen. Ich fand den perfekten Platz: ruhig am Rand eines Gräberfeldes gelegen stand eine Bank von einem Baum beschattet. Hier hatte man einen schönen Blick über die Anlage und doch seine Ruhe zum Vertiefen in die eigenen Gedanken. Ich schrieb an einem neuen Gedankentext, den ich eventuell an einem der nächsten Freitage veröffentlichen wollte. Aber ich kam irgendwie nicht ganz weiter, war nicht mehr so überzeugt und inspiriert vom Geschriebenen des Vortags. Plötzlich kam mir eine neue Idee, ein ganz anderer Ansatz. Ich schloss den Text vom Vortag, öffnete eine neue Datei und schrieb wild drauf los. Bei einer Gedankenpause mit Blick in die Ferne bemerkte ich eine Frau, die zwischen Grabreihen suchend auf mich zukam. Ich schrieb zunächst weiter, doch bereits kurz darauf sprach sie mich an. Ob ich wisse, wo das Astrid Lindgren Grab liege? Ich blickte mich um. Ja natürlich, dämmerte es mir nun. Hier war ich doch schon mal! Diese Bank kam mir gleich so bekannt vor. Meine Frau und ich hatten ihr Grab auch schon mal besucht und zunächst jemanden vom Friedhofspersonal gefragt, wo es liegt. Es war hier ganz in der Nähe. Das sagte ich der Dame. Sie bedanke sich und suchte weiter. Mir ließ es keine Ruh und ich suchte nun ebenfalls meine Umgebung ab. Als ich es fand, rief ich die Frau zurück, welche sich aufrichtig bedankte und dann andachtsvoll vor dem Stein mit der berühmten Signatur stand. Später im Auto auf der Rückfahrt schmunzelte ich so vor mich hin und es wurde mir erst richtig bewusst, was passiert war: Astrid Lindgren, die weltberühmte, schwedische Schriftstellerin mit Büchern wie Pipi Langstrumpf, Michl Lönneberga oder Die Kinder aus Bullerbüh. Die Autorin des absoluten Lieblingsfilmes meiner Kindheit, Ronja Räubertochter. Ich hatte die ganze Zeit direkt vor ihrem Grab gesessen und geschrieben! Die Bank steht extra da zum Innehalten und wer will, kann sogar eine Nachricht an sie schreiben und in einen kleinen Briefkasten neben der Bank stecken. Ich hatte es überhaupt nicht gemerkt! Dachte nur, die Bank sieht aber einladend und inspirierend aus. „Wie cool du bist Leben!“ Chapeau für so eine Situation voller Komik und Schönheit zugleich! Danke, liebes Leben. Danke!

Habt alle einen schönen Tag!

2. Juli 2021

Ein Kind wie dich

„Ich wünsch dir später auch mal so ein Kind wie dich!“. Das sagte meine Mutter früher gern mal, wenn sie mit mir nicht weiter kam. Ich war ein genauer Beobachter. Stellte ich Abweichungen fest zwischen dem Beobachteten und dem, was Menschen sagten, fragte ich nach. Ich konnte da sehr beharrlich sein und wenn mir Sachen nicht glasklar einleuchteten, war ich ausdauernd im Diskutieren. Gen Ende so einer Diskussion rollte meine Mutter dann gern mal mit den Augen und ließ den einleitenden Satz fallen: „Ich wünsch dir später auch mal so ein Kind wie dich!“ Damit wollte sie der Anstrengung Ausdruck verleihen, die sie dabei empfand, bei unseren Diskussionen ruhig zu bleiben. Gleichzeitig hoffte sie wohl auf eine Art ausgleichende Gerechtigkeit für Ihre Bemühungen und Leiden. Im Sinne von: Jedes einzelne Nachhaken, jede Minute deiner Beharrlichkeit, jeder Tropfen Energie, den du in deine kritischen Hinterfragungen und Diskussionen steckst, werden in einem schwarzen Buch der Verdammung gesammelt. Die für mich bestimmten Seiten füllten und wölbten sich, sie blähten sich auf und wuchsen ins Unermessliche. Kein Satz wurde vergessen, keine Bemerkung ausgelassen. Unbekümmert dachte ich, ich bekomme die Welt erklärt, wenn ich beobachte und Fragen dazu stelle. Stattdessen peitschte ich meine Mutter schmerzhaft mit meinen Nachfragen, riss blutige Wunden in die empfindliche Haut ihres Seelenfriedens und merkte dabei nicht, wie sich mein Schuldkonto unablässig füllte. Meine Strafe würde furchtbar werden!
Und heute? Heut habe ich mich. Und zwar richtig gern! Ich habe viel Zeit mit meinem inneren Kind verbracht, es beobachtet, kennen gelernt, verstehen gelernt. Hab es getröstet, gehalten, beschützt. Hab ihm immer wieder gesagt, dass es toll ist. Genau so, wie es ist. Und hab ihm leise beim Einschlafen ins Ohr geflüstert, dass ich unheimlich glücklich bin, dass es bei mir ist. Dass ich bewundere, was es macht. Dass ich es liebe. Das tat gut. Es hat mir gefehlt. Es hat mich geheilt.
Da ist eine Kraft in uns. Eine Wärme. Eine Liebe. Für uns selbst. Andere haben vielleicht nicht immer die Geduld für uns, die wir brauchen, aber wir dürfen sie selbst für uns haben. Andere können vielleicht nicht verstehen, warum wir etwas tun, wie wir’s tun und in welchem Tempo. Aber wir selbst verstehen es und dürfen das an uns lieben. Meine Mutter hat damals in unserem Zusammenleben das Beste gegeben, was sie geben konnte; hat mich mit all der Liebe geliebt, die sie zu dieser Zeit geben konnte. Es ist nicht ihre Schuld, dass ich pingelig bin, dass ich anspruchsvoller bin, dass ich mehr will und brauche, viel mehr. Und igendwann habe ich gemerkt, dass ich es nie bekommen werde, wenn ich es weiter von ihr einfordere. Dass ich nie Frieden finden werde, wenn ich damit weiter mache, meine Erwartungen an sie zu stellen. Also habe ich meine Erwartungen an mich gestellt. Ich habe aufgehört, den Stimmen in mir zu glauben, die sagten, ich sei zu sensibel, zu langsam, zu wenig funktionstüchtig. „Nein!“ habe ich zu ihnen gesagt, „ihr habt mich einfach nicht richtig verstanden. Ihr habt mich einfach falsch bedient. So kann ich nicht richtig funktionieren. So gehe ich mit der Zeit kaputt“. Stoisch und widerborstig habe ich mir die Ohren zugehalten, wenn sie auf mich einredeten in jahrelang eintrainierten Verhaltensabläufen und Funktionsmustern. Tumb und mit einfälltiger Naivität verlernte ich einfach wieder die einst als Nonplusultra angepriesenen Eigenschaften, wie Rationalität, Pragmatismus und Perfektionismus. „Nein danke“, sagte ich mit einem Lächeln und entschuldigender Geste, „hab ich probiert, aber ist einfach nicht so mein Ding“. Und langsam lösten sich die Verspannungen und Krämpfe. Die Entstellungen aus jahrzehntelanger Anpassung schwollen ab und zum Vorschein kam ich. Wow, also das war ich eigentlich! So bin ich also, wenn ich einfach nur bin. So schön bin ich, so ruhig bin ich, so kreativ bin ich, so einzigartig bin ich. Ein heller Stern am Nachthimmel der Millionen schönen Sterne.
Wir leuchten von innen! Beim Versuch, Glanz von außen zu bekommen, wird unser Licht nur schwacher. Wir leuchten von innen. Das musste ich lernen. Erst dann konnte er beginnen, der innere Frieden.
Manchmal frage ich mich allerdings schon ein kleines Bisschen, ob das schwarze Buch der Verdammung nicht doch genau mitgezählt hat. Statt einem, habe ich vier Kinder bekommen. Und die Peitschenhiebe auf meinen Seelenfrieden führen hin und wieder auch bei mir zum Ende der Geduld… nobodys perfect 😉

Habt alle einen schönen Tag!

25. Juni 2021

You name it

Vor einigen Monaten wollte ich etwas mehr Leichtigkeit in mein Leben bringen. Ich hatte das Gefühl, in meinem Job über viele Dinge zu sehr zu grübeln und an mich selbst zu perfektionistische Ansprüche zu stellen. Es ist gut, hohe Ansprüche zu haben. Aber ich fühlte mich oft eingeengt und verkrampft in meinem Tun, gerade, wenn ich daran dachte, dass andere meine Musik und Texte hören würden oder die fertige Sprachaufnahme vorm Kundenohr bestehen müsse. Ich machte deshalb Folgendes: Anstatt auf meinem Computer die Ordner „Sprecher“ und „Musik“ weiter zu führen, legte ich einen neuen Hauptordner an. Dieser hieß „SPIELEN“.
In diesen Ordner kam von nun an alles hinein. Musikaufnahmen, Songtexte, Ideen zu meinen Freitagsgedanken und Skizzen für Lieder. Sprachaufträge hießen fortan „Sprachspiele“ in einem Unterordner. Es hatte einen erstaunlichen Effekt. Immer wenn ich nun ein neues Projekt anlegte, sah ich das große Wort „SPIELEN“ vor mir. Es war wie eine sanfte Stimme, die sagte: „Ach übrigens… Nimm’s leicht! Probier dich aus! HAB SPAß!“ Und dann ging ein Lächeln über mein Gesicht. Seitdem geht es mir viel besser im Job. Ich darf mich ausprobieren, ich darf Fehler machen, ich darf mich entwickeln. Ich darf das Beste geben, was ich gerade zu geben habe. In meinem Tempo nach meinen Regeln. Es macht soviel Spaß, wenn der Erwartungsdruck weg ist. Ich bin gut in dem, was ich mache, wenn ich mich traue, das Grübeln abzustellen und stattdessen meiner Intuition zu folgen. Das musste ich mir selber beibringen. Durch eine andere Definition für mein Tun. „You name it!“, wie es so schön heißt – „Du benennst es!“ Benenne es! Benenne es so, dass es dir gut tut. So, dass es sich gut anfühlt. So, dass dein Herz den richtigen Sinn erfasst und du das Beste in dir freilegen kannst. You name it!
So… und jetzt werde ich kein Frühstück machen gehen für hungrige Kindermäuler, sondern einen energiereichen Kickstart organisieren für meine heranwachsende Zukunft 😉

Habt alle einen schönen Tag!

18. Juni 2021

da, wo’s wehtut

Wenn ich manchmal morgens beim Yoga sitze, tun manche Übungen richtig weh. Viel mehr als andere. Ich muss richtig die Zähne zusammen beißen und mich da durchkämpfen. Aber ich merke gleichzeitig auch, dass es genau diese Übungen sind, die mir den meisten Nutzen für meine persönliche Weiterentwicklung bringen. Immer, wenn es anfängt, weh zu tun, heißt es cool bleiben, ruhig weiteratmen und auf das gespannt sein, was hinter dem Schmerz liegt. Es geht hier natürlich nicht um wilde Verrenkungen oder Selbstkasteiung. Es geht um’s Heilen und den Weg zu unserem eigentlichen Selbst. Denn auf dem Weg von unserer Geburt bis heute sind einige blöde Unfälle passiert. Viele davon in unserer Kindheit und Jugend und viele davon haben wir nicht einmal bemerkt. Wir leben einfach mit den seelischen Verletzungen und ihren Manifestationen in unserem Körper, ohne, dass es uns großartig bewusst wäre. Ich selbst dachte über 30 Jahre lang, dass ich Rechtshänder wäre, bis mir mein eigener Körper vor ein paar Jahren sagte, dass ich Linkshänder bin. Das geschah durch eine ganz intuitive Stimme. So wie man automatisch, wenn man einen Raum mit fremden Menschen betritt, weiß, wer einem sympathisch ist und wer nicht.
Aber dafür müssen wir offen und verfügbar sein für diese Stimme. Müssen uns aktiv Freiräume schaffen, in denen wir hören, was sie uns zu sagen hat. Und wahrscheinlich sagt sie uns erstmal Dinge, die uns wundern, die wir im ersten Moment nicht verstehen oder die einfach nur wehtun. Diese Stimme will uns zurück leiten. Zu dem, was wir eigentlich sind. Zu dem, was wir waren vor diesen ganzen Unfällen. Vor diesen ganzen Eltern, Lehrern, Freunden und weiteren Menschen, die uns leider nicht so nehmen konnten, wie wir eigentlich sind. Vor denen wir uns aus Rücksicht, Angst oder Scham angepasst haben. Nun kommt die Zeit der Rückverwandlung. Aber weil wir uns zuvor verbogen haben, müssen wir uns nun wieder zurück biegen. Noch einmal durch den Schmerz gehen. Diesmal aber bewusst und mit Aussicht auf ein selbstbestimmteres und glücklicheres Leben. Der Schmerz zeigt uns den Weg. Da, wo’s richtig wehtut, müssen wir am genauesten hinschauen. Genau da liegt meist für uns die Chance zu persönlichem Wachstum und Weiterentwicklung.
Viel Güte, Nachsicht und Geduld braucht es von uns für uns in diesem Prozess. Andere haben zuvor in unserem Leben signalisiert, dass sie nicht klarkommen mit dem, wie und was wir eigentlich sind. Dann müssen wir das jetzt tun! Und oft lernen wir uns in dieser Phase erstmal richtig kennen. Es ist ein kraftaufwendiger, teils sehr schmerzhafter aber auch spannender Weg. Ich kann jeden nur ermuntern, mehr Zeit mit sich zu verbringen und in sich hinein zu horchen. Du lebst in der Stadt, aber träumst eigentlich immer von einem Leben auf dem Land? Geh auf’s Land! Mach kleine Schritte. Minischritte, wenn es deine Lebensumstände gerade nicht anders zulassen. Aber geh sie! Geh sie in die Richtung, in die du eigentlich willst. Dein Job ist ganz ok und zahlt deine Rechnungen, aber eigentlich brennt dein Feuer für etwas ganz anderes? Geh hin zum Feuer! Lass dich von ihm wärmen. Such immer wieder den Weg zu ihm. So oft es dir möglich ist. Mit der Zeit werden die Feuerphasen länger werden und mit Mut und Geduld wirst du eines Tages ganz in Flammen stehen. Wer weiß, vielleicht entflammst du dann sogar andere.
Da wo’s wehtut. Die Übung, die wir so ungern machen. Da, wo wir nicht gern hinwandern mit den Gedanken. Weil mir zugemacht haben. Weil wir’s unsinnig finden. Weil’s unrealistisch ist. Und überhaupt ist doch alles in Ordnung… Da bitte hinschauen! Da könnte ein Stück von uns selber liegen, welches darauf wartet, freigelegt und ausgelebt zu werden. Viel Kraft, Mut, aber auch Freude dabei wünsche ich euch!

Habt alle einen schönen Tag!

11. Juni 2021

Die Kraft des positiven Denkens

Wenn mich jemand fragen würde, wann in meinem Leben ich die Kraft des Optimismus und positiven Denkens am stärksten gespürt habe, kommt mir sofort ein Name in den Sinn: Benno Jacob.
Ich habe das große Glück, den Menschen, der sich hinter diesem Namen verbirgt, als den wohl engsten Freund und Wegbegleiter in den zurückliegenden 15 Jahren meines Lebens bezeichnen zu dürfen. Das Schicksal führte uns zu einem Zeitpunkt zusammen, als noch völlig unklar war, dass wir beide einmal künstlerische Wege einschlagen würden: er als Artist, Jongleur und Comedian und ich als Songschreiber, Musiker und Sprecher.
An einem Montagmorgen im Jahre 2006 verpasste ich morgens meinen Zug nach Barth, wo ich auf einem abgelegenen Ferienlagergelände mit circa 100 anderen Zivildienstleistenden eine Woche lang über die Sinnhaftigkeit des Dienstes an der Gesellschaft unterrichtet werden sollte. Das Bahnpersonal nach einer Zugvariante fragend, wurde ich nach Berlin Lichtenberg umgeleitet, von wo aus in 30 min. der nächste Zug nach Barth abfahren sollte. Im Zug sitzend wurde ich eines langhaarigen, schlacksigen Jungens Gewahr, welcher den Schaffner in letzter Sekunde vor der Abfahrt schnaufend um eine Fahrkarte nach Barth fragte. Wir kamen danach sofort ins Gespräch und die Zeit im Zug verging wie im Fluge. In Barth wurden wir Zimmergenossen und hatten eine fantastische Zeit. Auch heute noch sind unsere Telefonate selten kürzer als 3 Stunden; unser persönlicher Rekord liegt glaube ich bei 6 Stunden Telefonieren. Soviel zur Einleitung.

2012 traf Benno eine schwere Entscheidung. Trotz eines sehr erfolgreichen Artistikprogramms als Diabolo-Duo mit unter anderem Angeboten vom Cirque du Soleil, trennte er sich von seinem damaligen Duopartner aus für ihn nicht mehr tragbaren, persönlichen Gründen. Ein mutiger Entschluss, denn ein Artist ohne Programm und Auftritte, ist ein Artist ohne Einkommen.
Benno hatte eine Vision: zusammen mit einem neuen Partner wollte er ein neues, besseres Programm entwickeln. Es sollte spektakulärere Tricks enthalten, mehr Synchronität mit dem Partner und vor allem sollte es eine eigens für das Programm geschriebene Musik geben; abgestimmt auf die Bewegungen der Artisten. Zeitvorgabe: ein halbes Jahr! Vom rohen Entwurf auf dem Blatt, bis zur fertig choreographierten Show. Ein ehrgeiziges Vorhaben.
Da ich Musiker bin und diesen Text schreibe, wisst ihr natürlich bereits, dass er mich für die Musik anheuerte. Selbstverständlich, möchte man meinen. Aber so selbstverständlich war das eigentlich gar nicht. Sehr viel mehr als pures Vertrauen in mich hatte Benno nämlich gar nicht in der Waagschale. Weder hatte ich irgendwelche Referenzen in dieser Richtung, noch kannte ich mich aus mit Beatprogrammierung und digitalen Instrumenten auf dem Computer, noch hatte ich vorher irgend eine andere Art von Musik gemacht außer Singer-Songwriter-Liedern. Uns beiden war vorher auch klar, dass unsere Freundschaft durch diese Zusammenarbeit eventuell Schaden nehmen könnte, sollte es ein Misserfolg werden. Für Benno ging es um viel. Er wäre die nächsten Monate ohne jegliche Einnahmen, investierte aber locker einen 5-stelligen Betrag in sein neues Programm. Und er musste zu dem unter allen Umständen zum Tag X in einem halben Jahr fertig sein. Er war nämlich bereits vorgesehener Teil einer Show, bei der viele Agenten und Booker im Publikum sitzen würden, um Acts für die nächsten Varietés und Artistikshows auszuwählen.

Ein Duopartner war gefunden und wir legten im Dezember 2012 los. Die besondere Herausforderung war, alles gleichzeitig an den Start zu bringen: neue Diabolotricks verbunden mit einer showtauglichen Choreographie und dazu die Musik. Alles im sich immer wieder entwickelnden und verändernden Prozess. Der Part länger, nein doch kürzer. Dieser Trick an dieser Stelle, nein doch an jener. Hier langsamer, nein doch schneller. Dafür hier dann langsamer und da dann wieder volles Rohr! Es war schwer, eine musikalische Grundidee zu finden. Ein Thema, an dem sich alles orientieren konnte. Es gab noch kein Tempo, keinen Rhythmus. Ich stellte den beiden Jungs immer wieder neue Ideen vor, aber entweder war es zu heiter oder zu düster oder zu leicht oder zu schwer oder zu sehr dies oder zu sehr das. Die Zeit rannte und rannte. Benno und sein Partner schickten mir stets aktuelle Videos von ihren Trainingsdurchläufen. Ab einem gewissen Punkt hatten wir uns auf ein Tempo geeinigt, zu dem sie sich bewegten. So konnte ich zu Hause am Rechner dann auf die Videos komponieren. Und dann endlich 2 Monate vor der Premiere die zündende Idee. Ich hatte einen Beat entworfen, der die perfekte Grundlage für alles bot. Benno war unglaublich froh und wusste, nun wird alles gut. Ich war auch froh. Endlich eine Orientierung, ein Gerüst, an dem wir uns halten konnten. Alle Ampeln auf Grün! Volle Fahrt voraus!
Und dann passierte das Unfassbare: im Glauben, ein aktuelles Backup von meinem Rechner auf meine externe Festplatte zu ziehen, machte ich es aus unerfindlichem Grund genau andersherum. Ich überschrieb die aktuellste Version der Musik auf meinem Rechner und löschte damit den neuen Beat unwiederbringlich. Obwohl ein heißer Schwall durch meinen ganzen Körper ging, wurde mir plötzlich ganz kalt und ich zitterte leicht. Hatte ich das wirklich getan? Ich musste mich verguckt haben. Nein, ich hatte mich nicht verguckt. Die Arbeit der letzten Tage… alles weg!
Es war etwa 10 Uhr morgens. Ich rief sofort Benno an, um ihm das Unglück beizubringen. Als er abnahm hörte ich, dass er von meinem Klingeln geweckt wurde. Panisch berichtete ich, was geschehen war. Und nun meine Lieben beginnt die Magie: Benno blieb ganz ruhig. Und obwohl er bereits seit mehreren Wochen jeden Tag teilweise bis zu 12 Stunden lang trainierte, sich den Kopf zermarterte, welche Tricks wie und wo gespielt werden sollten, herumexperimentierte mit unterschiedlichsten Diabolos, Stöcken und Schnüren. Und obwohl wir nur noch 2 Monate Zeit hatten für ein 6 Minuten langes Musikstück, von dem noch nichts existierte. Und das kleine Stückchen, welches bis vor wenigen Minuten noch existiert und allen Hoffnung gemacht hatte, war nun aufgrund meiner Schusseligkeit ausradiert worden. Obwohl all dies auf seinen Schultern lag und der Auftritt in 2 Monaten ein peinliches Desaster werden könnte, sagte er: „Ganz ruhig, wir schaffen das! Wir finden eine Lösung. Ich weiß, wir schaffen das!“
Und wisst ihr was dann geschah? All die Angst, all die Verkrampfung in meinem Körper löste sich. Alles stand auf Null. Ein weißes Blatt vor mir. Neuanfang. Die pure Inspiration. Ja, wir schaffen das! Energie schoss in mich hinein. Ja, wir schaffen das! Ich schnappte mir sofort die Gitarre und setzte mich an den mittleren Teil des Programms, für den ich bisher noch keine einzige Idee hatte. Die Jungs wurden darin vom Tempo her um die Hälfte langsamer und bewegten sich ganz synchron. Es war an diesem Tage, an dem zuvor noch alles verloren schien, dass mir die entscheidende Inspiration für diesen Part kam. Mit E-Gitarre, Syntheziser und Blechbläsern. Die Instrumentierung war gefunden und nun leitete sich plötzlich wie von Zauberhand der ganze Rest der Musik auch für die anderen Parts ab. Es wurde ein voller Erfolg. Es war noch eine Schinderei bis zur letzten Sekunde. Mit durchkomponierten Nächten und Proben bis zum Vortag des Auftritts. Aber die Premiere war fantastisch und Benno und sein Partner wurden sofort für Shows angefragt.

Benno ist ein Mensch mit unglaublichem Willen und Disziplin. Er setzt sich Ziele und packt dann an. Aber bei unserer Zusammenarbeit war das Besondere, dass er auch im richtigen Moment loslassen konnte. Und damit hat er das Beste in mir freigesetzt und beflügelt. Es war eine spannende und verrückte Zeit damals. Und es war unsere Zeit. Unsere Freundschaft hat keinen Schaden genommen. Im Gegenteil, sie ist stärker denn je geworden. Weil Benno an mich geglaubt hat. Im richtigen Moment. Danke Benno! Es war toll, das mit dir erleben zu dürfen 🙂

Wer das Programm mit Musik gern mal sehen möchte, findet hier ein Video von 2015 auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=TwffIdd3v2M

4. Juni 2021

Alles nur Kopfsache

Einige Jahre ist es schon her, da bekam ich den Auftrag, einen Song zu produzieren für ein Altersvorsorge-Institut. Handwerker sollten in einem animierten Musikvideo auf humorvolle Art und Weise auf die Absicherung ihrer Grundfähigkeiten hingewiesen werden. Mein Auftraggeber, eine Agentur, stellte sich leider bald als wenig stringent in ihrem Festhalten an Ideen und Meinungen heraus. Ursprünglich war ich für ein Lied nach Singer-Songwriter-Art gebucht worden. Nach einigen Demos hieß es dann aber plötzlich, es solle „rockig und cool“ werden. Ich rollte innerlich mit den Augen, ließ mich aber noch zu einer letzten Demo überreden, bevor es in neue Budgetverhandlungen gehen sollte wegen der Kursänderung.
Ich schnappte mir also meine E-Gitarre, stellte beim Verstärker den verzerrten Kanal ein, grub alle „Männlichkeits- und Bauarbeiterklischees“ aus, um sie in einem witzigen Text zu verwursteln und fand auf meinem Computer einige Baustellen-Sounds, aus denen ich einen Beat bastelte. Heraus kam eine Demo, bei der ich sofort spürte, dass alles passte. Ich war gespannt, was die Agentur sagen würde. Volltreffer! Alle waren begeistert. Der Chef meinte, das ganze Büro feiere den Song. Erleichterung auf meiner Seite. 2 Tage später dann die ersten Zweifel von der Agentur: Ja, vielleicht sollte man doch noch etwas ändern am Gesang. Vielleicht etwas höher singen. Eine Terz vielleicht. Oder eine Quinte. Ich fühlte mich wie Einstein, den jemand fragte, ob man an seiner Formel zur Relativitätstheorie E = mc² nicht einfach mal hinten noch ein „+2“ ranhängen oder das „m“ durch ein „n“ ersetzen könne. Was tun, wenn man weiß, dass alles passt, aber die Agentur, die einem das Geld zahlt zu unsicher und unerfahren ist? Ich blieb entspannt und gab nach. Ich bot an, noch einmal 5 unterschiedliche Gesangsvarianten zu senden. Von denen sollten sie sich dann eine finale aussuchen. Mehr könne und wolle ich zum vereinbarten Budget nicht leisten. Damit waren sie einverstanden. Gesagt getan. Ich sang noch einmal verschiedene Variationen ein, sendete alles der Agentur, diese wählte ihren Favoriten aus und alle waren zufrieden. Alle? Auch ich? Ja! Denn ich hatte unter die 5 Varianten auch einfach noch mal die 1. Demo gemischt. Nur mit anderem Namen. Und ratet, für welche der 5 „neuen“ Varianten sie sich entschieden haben? Genau! Seit diesem Tag weiß ich: Ist alles nur Kopfsache 🙂

Habt alle einen schönen Tag!

PS: Wer das Video mit dem Song gern mal hören möchte, findet es hier auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=zFFVzu8kxic

28. Mai 2021

auf und ab

In meiner Tätigkeit als Sprecher kommt es immer wieder vor, dass es Tage, manchmal sogar Wochen ohne Aufträge gibt. Keiner scheint in dieser Zeit ein Erklärvideo, einen Werbespot, einen Audioguide oder eine Telefonansage gesprochen zu brauchen. Früher haben mich diese Phasen ganz verrückt gemacht. „Keiner braucht mich, keiner will mich, ich kann nichts, ich werde nicht genug Geld verdienen“, waren Gedanken, die dann in meinem Kopf kreisten. Wenn es dann wieder losging mit Jobs, waren sie so schnell verschwunden, wie sie gekommen waren. „Puh, alles gar nicht so schlimm…“
Genau! dachte ich irgendwann. Warum machst du dir eigentlich so einen Stress? Bisher hast du alle Rechnungen immer bezahlen können. Über das Jahr verteilt kam genug rein, aber es geschah immer in Wellen.
Ich schaute mir das Wellen- oder Intervallprinzip genauer an und fand es eigentlich überall in der Natur wieder: die Jahreszeiten, die eine Ruhephase für Pflanzen und Tiere hatten, damit diese dann neu austreiben und sich neu vermehren konnten. Die Wellen am Strand, die sich zurückzogen, um sodann mit neuer Kraft ans Ufer zu schlagen. Ich selbst holte während meiner Tätigkeit in der Sprecherkabine regelmäßig Luft zwischen den Sätzen. Und schlussendlich ist auch jeder Klang, den ich mit Stimme, Gitarre oder Klavier erzeuge, eine Welle, die sich ihren Weg in einem stetigen Auf und Ab zum Ohr des Höhrers bahnt. Mir wurde plötzlich bewusst, wie wichtig diese Ruhephasen zum neuen Schwung holen waren. Ich unterlag einfach nur einer falschen Modellvorstellung. Ich sah meine Tätigkeit wie einen steilen Sprint zum Berg oder eine rastlose Fahrt auf der Autobahn. Nun ist mir bewusst, dass es Ruhephasen zum Kraft tanken und neu ausholen bedarf und ich nehme sie dankbar und gelassen hin. Ich tauche mittlerweile sogar richtig in sie hinein, denn ich weiß nun: Je mehr ich nach unten pendele und schwinge, desto größer wird auch die Amplitude am anderen Ende sein.
Lasst uns also unsere Surfbretter schnappen und auf den Wellen des Lebens reiten. Rein ins Tal, Schwung holen und dann losgleiten, wenn die Welle uns wieder trägt 🙂

Habt alle einen schönen Tag!

21. Mai 2021

Richtige Männer

„Richtige Männer heizen mit Holz – findet Lennart“ steht auf dem Zeitungsausschnitt. Dieser Spruch hatte gleich etwas in mir ausgelöst. Ich finde es faszinierend und verwunderlich, welche Eigenschaften und Eigenarten einem RICHTIGEN Mann so allgemein zugesprochen werden: Richtige Männer pinkeln nur im Stehen (natürlich, ohne sich hinterher die Hände zu waschen), richtige Männer sind Macher und bringen alles selbst per Hand in Ordnung (mit freiem Oberkörper, damit man die Muskeln sieht), echte Männer sind trinkfest, lösen ihre Konflikte mit den Fäusten und können mit Kindern und Hausarbeit nichts anfangen. ECHTE Männer sind auch leicht an ihren Interessenfeldern zu erkennen: Fußball, Frauen (zumindest ihr Äußeres) und Autos.
Ich denke, mit obiger Beschreibung können wir alle ganz froh sein, dass es in den letzten tausend Jahren auch einige unechte Männer und vor Allem viele RICHTIGE Frauen gab, die die Gesellschaft am Laufen gehalten und weiterentwickelt haben. Während der ECHTE Mann sich in seinen Kriegen ausgetobt hat, haben die anderen die Familie versorgt und hinterher wieder aufgeräumt. Während der ECHTE Mann seine Zeit in Fitnessstudios, Kneipen und Wettbüros verbracht hat, haben die anderen fließend Wasser, Strom und Buchdruck erfunden. Während der ECHTE Mann seine Familie verlassen, verdroschen oder verspielt hat, haben die anderen geholfen, geheilt und geliebt.
Lasst uns die Wahrheit aussprechen: Es gibt keine RICHTIGEN Männer! Und es gab sie auch noch nie. Ähnlich wie GUTER Soldat, BRAVES Kind, VORBILDLICHER Schüler, FLEISSIGE Hausfrau und GUTE Mutter sind diese Begriffe und Definitionen wie kleine Käfige, die über uns gestülpt werden. Darin dürfen wir uns dann bewegen, damit es andere leichter mit uns haben. Auf hinterhältigste Weise werden wir hinein gelockt in diese Käfige mit Aussagen wie: „Du willst doch ein BRAVES Kind sein, oder? Dann musst du dieses oder jenes tun!“ oder „Du willst eine GUTE Hausfrau und Mutter sein? Dann musst du dich so oder so verhalten!“. Der Käfig wirkt am Ende noch wie eine Belohnung für erwünschtes Verhalten.
Aber so sind wir nicht. Wir sind keine RICHTIGEN Männer, keine BRAVEN Kinder und keine FLEISSIGEN Hausfrauen. Wir sind alle verschieden. Mit dem Recht auf Individualität und freie Entdeckung und Entfaltung unseres Selbst. Das ist die Wahrheit. Und wer mir und euch was anderes erzählen möchte, versucht vielleicht einfach nur gerade in Zeiten von nachhaltigen und sauberen Energien, seinen alten Holzbrennkessel an uns zu verkaufen 🙂

Habt alle einen schönen Tag!

14. Mai 2021

Regeln

Regeln werden oft kritisiert, dabei wurden sie ins Leben gerufen, um irgend einen Umstand im Zusammenleben zwischen Menschen zu ordnen, zu „regeln“. Dadurch gibt es für diesen Umstand Klarheit und es fällt allen Beteiligten leichter, beim Auftreten dieses Umstandes zu reagieren. Man braucht sich nur an die Regel zu halten.

Bei uns zu Hause gibt es beispielsweise die Regel, dass die Türen von der Küche zum Wohnzimmer und zum Flur immer zu sein sollen. Da der Kater von draussen kommend ansonsten gern durch diese Türen geht und es sich auf Sofas oder Betten gemütlich macht. Im letzten Jahr wurden wir dann von Katzenflöhen befallen und es war etwas aufwändig und mühsam, die Zimmer aller 6 Mitglieder unserer Familie zu entflohen. Seitdem gibt es diese Regel und ich finde sie nach dem Erlebten sehr sinnvoll und erleichternd für unser Zusammenleben.
Nun sind mir bei mir aber Unregelmäßigkeiten in der Reaktion auf Regelverstöße aufgefallen und zwar immer in Abhängigkeit zu meiner Tagesform. Ließen die Kinder die Tür an Tagen offen stehen, an denen es mir gut ging, habe ich sie manchmal einfach selbst zu gemacht oder habe verständnisvoll und geduldig auf unsere Regel hingewiesen. An Tagen, an denen ich gestresst oder müde war, wies ich auch gern mal lautstark hinterherbrüllend auf die Erfüllung der Regel hin. Ich fühlte in diesem Moment auch wenig Bekümmerung um einen neuen Flohangriff, wenn ich ehrlich bin, sondern die Regelverletzung bot mir in diesem Moment viel mehr einen willkommenen Anlass, um dem ganzen Bündel, dass mich belastete, Luft zu machen. Aber der Ärger, der in diesem Moment auf meine Kinder flog, hätte eigentlich mir selber gelten sollen. Weil ich nicht genug Acht gegeben hatte auf mich. Weil ich wider besseren Wissens zu spät ins Bett gegangen war um noch irgend etwas zu erledigen, was mir in diesem Moment besonders wichtig erschien. Oder weil ich irgendein Problem, was am Tage aufgetreten war, hastig und halbherzig vor mir herschob, anstatt mir Zeit für eine genaue Betrachtung zu nehmen und daraus dann eine Strategie zur Bewältigung zu erarbeiten.
Regeln gehören meiner Erfahrung nach nicht zum Kern des Problems. Es ist die eigene Verfassung, die den Blick auf eine Regel beeinflusst. Pedanterie und übertriebene Heftigkeit beim Auslegen und Durchsetzen der Regeln zeugen oft von Disbalancen im Inneren. Das gilt für einzelne Menschen, wie für Gruppen oder gar ganze Länder. Das Chaos und die Unruhe im Inneren suchen verzweifelt nach Rückgewinnung der Kontrolle. Da kommt eine aufgestellte Regel gerade recht. Hier darf sich abgearbeitet werden und mit dem Gefühl, das Richtige zu tun, wird das Gewissen beruhigt. Doch das Unrecht, das wir anderen Menschen dabei oft antun, wenn wir sie die Auswirkungen unseres inneren Ungleichgewichts spüren lassen, sind ein hoher Preis für die fehlende Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst. Wenn wir es wirklich ernst meinen mit einer friedlicheren und gewaltfreieren Welt für alle, dann beginnt der Weg in uns selbst. Zeit für uns. Uns selbst lernen, zu verstehen. Lernen, zu verstehen, was wir brauchen, was uns gut tut, was uns glücklich und zufrieden macht. Damit wir Glück und Zufriedenheit weiter geben können. Ab morgen eine neue Regel: Kümmer dich mehr um dich 🙂

Habt alle einen schönen Tag!

7. Mai 2021

Sprachbarriere

Als wir in Schweden ankamen, konnte ich nur sehr wenig schwedisch sprechen. Wie ich heiße, wo ich herkomme und „dass die nächste Werstatt 2 Kilometer entfernt liegt“ (ein Satz aus dem Lehrbuch, den ich mir komischerweise gleich eingeprägt hatte). Durch das fehlende Vokabular war ich oft gezwungen, einfach nur zuzuhören. Mir fielen viele Kommentare oder Meinungen zu Dingen ein, aber ich wusste nicht, wie man sie sagt. Ich hörte mehr zu und mein Fokus wanderte automatisch mehr auf den Menschen, der mir etwas erzählte. Dadurch, dass ich ihn nicht unterbrach mit meinen Kommentaren oder Gedankenblitzen, konnte ich mehr und besser seine ganze Geschichte und sein ganzes Wesen erfassen. Als Mensch, der ständig zu irgend etwas irgend welche Gedanken hat, erschien es mir früher normal, diese auch stets mitzuteilen.
Aber nun gab es plötzlich eine Bremse, einen harten Filter, der mich validieren ließ, welche Gedanken wirklich so immens wichtig waren, dass es die Mühe wert war, nach Worten, Gesten und Erklärungen für ihre Artikulation zu suchen. Ich wurde viel ruhiger in Konversationen. Und es färbte auf meine Gespräche in deutscher Sprache ab. Auch hier begann ich nun selbst zu filtern und einfach mehr zuzuhören. Mit echtem Interesse am Inhalt des Anderen und nicht auf der Jagd nach Anerkennung für einen Wortwitz oder einen originellen Gedanken zum Thema.
So hat sich ein zunächst scheinbarer Nachteil zu einem wunderbaren Vorteil und einer Bereicherung in meinem Leben entwickelt. Und ich bin dankbar, dass ich diese Entwicklung machen durfte 🙂

Habt alle einen schönen Tag!